"Es gibt Leute, die für die Behandlung in Deutschland ihre Wohnung verkaufen", sagt Irina Parulava. Sie holt Patienten aus Russland an Kliniken im ganzen Bundesgebiet. "Aber das sind natürlich Leute, die eine zweite Wohnung haben", fügt die Betreuerin hinzu, die an diesem Tag drei Kunden an der Deutschen Klinik für Diagnostik (DKD) in Wiesbaden begleitet. Russland ist das wichtigste Herkunftsland von Medizintouristen in Deutschland. Doch einige russische Patienten hätten nun abgesagt, sagt Parulava. Die Rubel-Krise mache es selbst der wohlhabenden russischen Mittelschicht schwerer, deutsche Ärzte zu bezahlen.

Das bekommen die Krankenhäuser zu spüren, die an Auslandspatienten sonst gut verdienen. "Wir wissen von den Kliniken, dass sie es merken", sagt Jens Juszczak, der führende Experte für Medizintourismus in Deutschland. Er forscht an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und berät Krankenhäuser bei ihrem Geschäft mit Patienten aus dem Ausland.

Nach den aktuellsten Zahlen ließen sich 2013 mehr als 97.000 Patienten aus 177 Ländern stationär und rund 144.000 ambulant in Deutschland behandeln. Das bedeutet ein Zuwachs von 7,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Üblicherweise kommen aus keinem anderen Land so viele Patienten nach Deutschland wie aus Russland. Fast 11.000 waren es dem Statistischen Bundesamt zufolge im Jahr 2013. Aus den anderen GUS-Staaten wurden noch einmal mehr als 3000 Menschen in Deutschland behandelt. Die Zahlen von 2014 liegen noch nicht vor. Dennoch: Juszczak ist sich sicher, dass sich wegen der Ukraine-Krise weniger russische Patienten an deutschen Kliniken behandeln ließen.

Aufgrund der Sanktionen gegen Moskau kommen Russen nicht mehr so einfach an ihr Geld im Ausland ran, wie der Ökonom sagt. Und der Rubel ist weniger wert - nicht nur in Euro-Ländern. Auch Schweizer Franken sind für Russen deutlich teurer geworden. Dennoch: "Ich habe auch Aussagen mitbekommen, dass die deutsche Politik in diesem Konflikt nicht besonders begrüßt wird und die Leute deshalb lieber in die Schweiz gehen als nach Deutschland."

Ein Klinikverband, der um Auslandspatienten wirbt und die Folgen des Konflikts mit Russland um die Ukraine spürt, ist das Medical Network Hessen. Es kämen signifikant weniger russische Medizintouristen nach Hessen, berichtet Vorstandsmitglied Burkhard Bigalke.

Zwar steigen immer mehr deutsche Kliniken in das Geschäft mit Auslandspatienten ein. Doch noch spielen nur rund 10 bis 12 Prozent der etwas mehr als 2000 Kliniken hierzulande eine nennenswerte Rolle. Wie lukrativ das Geschäft für die einzelnen Häuser ist, lässt sich nur schätzen.

Insgesamt fast 1,2 Mrd. EUR nahmen deutsche Krankenhäuser 2013 mit Patienten aus dem Ausland ein, vermutet Juszczak. "Das ist aber extrem konservativ geschätzt", sagt der Ökonom. Für die wenigen aktiv am Markt beteiligten Kliniken geht es also um reichlich Geld.

Geld, das auch dank Vermittlerinnen wie Irina Parulava, der Marketingleiterin der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) in Moskau, in die Kassen kommt. Von ihrem Leumund in Russland profitiert unter anderem die DKD in Wiesbaden. Die Begleitung der Patienten stellt Parulava der Klinik in Rechnung.

Einige Kliniken schicken auch Vertreter in Talkshows oder schalten Werbung in den Zielländern. In der Rhein-Main-Region etwa rivalisieren die DKD in Wiesbaden, die Unikliniken von Frankfurt, Marburg oder Mainz und einige Privatkliniken miteinander.