Wenn die Luft dünn wird

Wer aus dem Glied tritt, hat es zuweilen schwer mit seinen zuvor gleichgestellten Kollegen. Archivfotos
Wer aus dem Glied tritt, hat es zuweilen schwer mit seinen zuvor gleichgestellten Kollegen. Archivfotos
MARC HERWIG, DPA 16.06.2012
Eine Beförderung in der eigenen Firma ist verlockend: Man kennt man die Mitarbeiter, den Arbeitsplatz, die Kunden . . . Doch Vorsicht; langjährigen Kollegen plötzlich als Chef gegenüberzustehen ist nicht einfach.

Jahrelang hat man mit den Kollegen gut zusammengearbeitet, in der Kaffeeküche geplaudert und abends ein Feierabendbier getrunken. Und dann kommt der Chef mit einem Angebot: eine Beförderung im eigenen Team. Für viele klingt es verlockend, Karriere zu machen, ohne sich an ein völlig neues Umfeld gewöhnen zu müssen. Doch die Probleme kommen oft schneller als gedacht, warnen Experten. Wer seinen alten Kollegen mit einem Mal als Chef gegenübersteht, steht vor einer ganzen Reihe unerwarteter Herausforderungen. Denn Aufsteiger im eigenen Team müssen sich erstmal von ihrem alten Image lösen - aber bloß nicht zu weit.

Es ist eine seltsame Situation. "Da ist über Jahre hinweg eine Beziehung zu den Kollegen gewachsen, vielleicht ist man mit einigen eng befreundet und hat sich manchmal das Herz ausgeschüttet. Und plötzlich steht man da als ihr Vorgesetzter", sagt Angelika Plett, Coach unter anderem bei der Haufe-Akademie in Freiburg. Viele neigten dazu, sich an die alten Strukturen zu klammern. Das Ergebnis sei dann schnell ein kumpelhafter Chef, dem es an Kraft und Mut fehle, um sein Team wirklich zu führen. Wer für den Aufstieg auf der Karriereleiter in ein anderes Unternehmen wechsle, tue sich leichter, weil er unbefangen an den neuen Job rangehen könne, sagt Plett.

"So schwer es ist, aber man muss sich ein Stück weit von den bisherigen Kollegen abgrenzen", sagt auch Dagmar Kohlmann-Scheerer, Coach in Aschheim. Wer seine Aufgaben als Führungskraft ernst nimmt, mache sich nicht immer beliebt. Das sollte sich jeder Karrierewillige bewusst machen.

Auch unangenehme Aufgaben müssen an einen der Kollegen delegiert werden, manchmal ist es unumgänglich, etwa den Urlaubsantrag für einen Brückentag abzulehnen oder auch einen früher gleichgestellten Kollegen wegen schlechter Leistungen anzusprechen. "Man muss das dem Hirn klarmachen: Ich gehöre jetzt nicht mehr so dazu wie früher, ich muss jetzt neue Verbündete auf meiner Ebene suchen", meint Kohlmann-Scheerer. Zu weit abgrenzen von den alten Kollegen sollte man sich allerdings auch nicht. Das werde schnell als Hochnäsigkeit verstanden.

Hilfreich sei es, wenn am ersten Arbeitstag in der neuen Position der nächsthöhere Vorgesetze dabei sei, um den neuen Teamleiter vorzustellen, sagt die Trainerin. "Wenn man sich selbst vor seine Kollegen stellt und sagt ,Ich bin ab heute der Chef!, dann wird man häufig nicht ernstgenommen."

Führungskräfte-Coach Christian Stöwe betont, dass niemand alten Weggefährten von heute auf morgen die Freundschaft aufkündigen müsse. Wer mit den Kollegen regelmäßig etwas unternommen habe, sollte durchaus weiterhin mitgehen. Allerdings: "Stellen sie sich darauf ein, dass Sie vielleicht irgendwann nicht mehr gefragt werden. Und nehmen sie das nicht persönlich!" Das sei der Preis der Verantwortung. Dennoch habe es große Vorteile, im eigenen Team aufzusteigen. "Man kennt die Unternehmenskultur, die Produkte, die Prozesse, die Kunden."

Trainerin Angelika Plett sieht Vorteile auch in der Mitarbeiterführung: "Man kennt seine Pappenheimer - im positiven wie im negativen Sinne." Man weiß, wer mit welcher Aufgabe gut zurechtkommt, wer gerne Verantwortung übernimmt und wen man manchmal etwas zu effektiverer Arbeit drängen muss.

Für die ersten Tage als Chef raten die Experten allen Aufsteigern unsiono, besonders feinfühlig für Stimmungen im Team zu sein. "Am Anfang ist alles, was man macht, symbolisch. Ob die Bürotür offensteht oder nicht, ob man beim ersten Meeting dabei ist oder verhindert ist, ob man den neuen Dienstwagen gleich am allerersten Tag bestellt - sowas wird von den Mitarbeitern am Anfang häufig überinterpretiert", fasst Stöwe zusammen.