Telekommunikation Wenn die Handyrechnung mehr kostet als die Reise selbst

Berlin / Igor Steinle 14.08.2018

Als die EU-Kommission vergangenen Sommer die Roaming-Gebühren für Telefonate und Datennutzung innerhalb Europas abschaffte, wurde dies als wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer stärkeren europäischen Integration gefeiert. Erst fielen die Grenzen, später die Gesprächskosten.

Ein Jahr später wird jedoch klar: Roaming kann noch immer große Löcher in Geldbeutel fressen. Denn die EU-Regelung enthält Ausnahmen, die für Verbraucher zur Kostenfalle werden können.

Wie zum Beispiel für eine Berliner Familie, die zuletzt bundesweit in die Schlagzeilen geraten ist. Weil der zwölfjährige Sohn auf einer Fähre von Kiel nach Oslo Videos auf dem Handy anschaute, bekam die Familie kurz nach dem Urlaub eine deftige Rechnung: 12 000 € für 470 Megabyte genutzte Daten. Das Handy hatte sich mit dem Satellitennetz der Fähre verbunden. Die Preise für Satelliten-Verbindung legen die Kreuzfahrt- und Satellitenbetreiber untereinander fest.

Auch wenn dieser Fall ein Extrembeispiel ist, ein Einzelfall ist er nicht. Die baden-württembergische Verbraucherzentrale etwa macht auf noch eine weitere Ausnahme aufmerksam, bei der die europäische Verordnung nicht greift: in Flugzeugen. Öfter noch als nach Schiffsreisen kommen immer wieder Kunden auf die Verbraucherschützer zu, deren Flugreise wegen Roaming-Gebühren deutlich teurer ausfiel als geplant.

Zuletzt geschehen einem Ulmer Studenten: Weil das Smartphone in seinem Rucksack – er hatte vergessen, es in den Flugmodus zu stellen – sich auf dem Rückflug von einem Surfurlaub auf Hawaii ebenfalls mit dem Satellitennetz verband, stellte sein Mobilfunkanbieter ihm für 40 Megabyte Datennutzung 1000 € in Rechnung.

Der Student hatte dabei noch Glück im Unglück: Weil die Willkommens-SMS, mit der Mobilfunk-Anbieter über Preise informieren müssen, erst Stunden später ankam, konnte die Verbraucherzentrale für ihn eine Reduzierung der Rechnung um die Hälfte erwirken. Kommt die SMS jedoch rechtzeitig, haben Verbraucher kaum Chancen, sich gegen überhöhte Forderungen zu wehren. „Solange die Preise offengelegt wurden, ist es schwierig, da hinterher noch etwas zu machen“, sagt die Telekommunikations-Expertin des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, Susanne Blohm.

Nichtsdestotrotz sehen die Verbraucherschützer Handlungsbedarf, vor allem bei der Politik. Die Mobilfunk-Expertin der baden-württembergischen Verbraucherzentrale, Karin Thomas-Martin, hat eine ganz klare Forderung: „Für Satellitenverbindungen muss es die gleichen Regeln wie beim normalen Mobilfunk-Roaming geben!“ Denn normale Roaming-Tarife haben einen Kostendeckel, der ausufernde Kosten verhindert. Schnelle Ergebnisse sind jedoch nicht zu erwarten. Roaming in Europa abzuschaffen, habe der EU-Kommission ein gutes Jahrzehnt hartnäckiger Arbeit gegen die Interessen der Telekom-Firmen abverlangt, erinnert sich Blohm.

Dabei sind fehlende Kostendeckel noch nicht mal das einzige Problem. Die Willkommens-SMS selbst sind teils irreführend, kritisieren die Verbraucherschützer. So werden zum Beispiel in einer Nachricht gerne mal verschiedene Dateneinheiten verwendet.

Anstatt etwa durchgehend die gebräuchliche Einheit Megabyte pro Minute zu verwenden, würden Verbraucher bei der Preisangabe mit der Einheit 50 Kilobyte die Sekunde hinters Licht geführt. 50 Kilobyte jedoch sind 20 Mal weniger Daten als ein Megabyte.

Eine Kostenfalle, in die zum Beispiel eine Studentin aus dem Südwesten tappte: 1110 € werden nun von ihr verlangt. Thomas-Martin gerät bei diesem ihrer Meinung nach klaren Verstoß gegen das Gebot der Preisklarheit in Kampfeslaune: „Gegen diese Unsitte werden wir vorgehen“, kündigt sie an.

Die Mobilfunker jedoch werden sich nicht leicht geschlagen geben. Zwar begründen sie die hohen Roaming-Gebühren damit, dass Entgelte für die Nutzung ausländischer Netze hoch und mehrere Unternehmen involviert seien, weswegen Roaming schlicht ein aufwendiger Service sei. Tatsächlich jedoch sind Roaming-Gebühren für die Telekommunikations-Unternehmen aber auch einfach ein äußerst lukratives Geschäft.

Das allerdings findet Verbraucherschützerin Blohme nur gerecht. Denn die Gewinnspannen für Roaming lagen früher bei 1000 Prozent, kritisiert sie. „Nichts rechtfertigt solche Gewinne.“

Rasend schnelle Datenverbindung

Künftig dürfte die Gefahr hoher Rechnungen auf Schiffen und in Flugzeugen nicht kleiner werden: So genannte 5G-Netze bieten bis zu zehnfach höhere Datengeschwindigkeiten als die aktuellen 4G-Netze (LTE). Außerdem sind die Laufzeiten der Daten extrem kurz. Motorola demonstrierte vor kurzem eine Datenverbindung mit rasanten 3,3 Gigabit pro Sekunde. Das Anfang 2019 verfügbare System soll Geschwindigkeiten bis zu 5 GBit/s erzielen. dpa

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