Weinsberg Weingärtner achten auf Umweltschutz

Im Bild ein Blick vom Derdinger Horn zu den Rebhängen am Stromberg sowie auf den Kraichgau nahe Oberderdingen. Foto: epd
Im Bild ein Blick vom Derdinger Horn zu den Rebhängen am Stromberg sowie auf den Kraichgau nahe Oberderdingen. Foto: epd
HANS GEORG FRANK 14.07.2012
Im Weinberg sind Rücksicht auf die Umwelt und Nachhaltigkeit heute fest etabliert. Vor einer Generation wurde jener Weingärtner schief angesehen, der zwischen seinen Rebzeilen das Gras wuchern ließ.

. Als Günter Bäder 1967 seine Weinbaulehre begann, wurde zwischen den Rebstöcken kein anderes Grün geduldet. "Jeder Boden war total blank", erinnert er sich. Weingärtner, die die Nachbarschaft der Trauben nicht penibel freihielten, seien damals "Schlamper" gewesen. "Wer ein Unkräutle hatte, war ein Faulenzer", habe es seinerzeit geheißen. Jetzt propagiert der promovierte Fachmann, seit 1995 Direktor der staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg, ausgetüftelte Methoden der Umweltschonung. Dabei wird das Institut - wie gestern bei einer deutsch-italienischen Tagung - unterstützt von der Akademie für Natur- und Umweltschutz.

"Unsere ersten Kongresse wurden mit Skepsis begleitet", blickte Akademie-Chef Claus-Peter Hutter zurück. Inzwischen aber freut er sich über "ein riesiges Umdenken" in der Branche. Umweltschonender Weinbau werde landesweit betrieben. Zudem engagierten sich 10 Prozent der badischen Winzer und württembergischen Wengerter für eine Verbesserung der Biodiversität. Sie überlassen unwirtschaftliche Gebiete mit wenig Platz für Rebstöcke der Flora und Fauna. Da werden aufgelesene Steine angehäuft für allerlei Getier. Lilien, Lauch, Färberkamille, Quitte, Pfirsich und Mandel, Tulpen und Traubenhyazinthen dürfen sich entfalten. Weil Nachschub selten ist, hat die Akademie eine Tauschbörse eingerichtet. "Vor 20 Jahren hätte man uns mit solchen Ideen davongejagt", ist Hutter sicher. Heute gingen bis zu 70 Prozent der Weinbauern nicht mehr gegen die Begleitflora vor: "Manche sparen beim Mähen die Malven aus."

Auch beim ganz alltäglichen Geschäft im Weinberg ist die Rücksicht auf die Natur zu beobachten. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sei drastisch reduziert worden, registrierte Günter Bäder. Wo vorher noch sechs bis acht Mal unerwünschte Pilze wie Mehltau bekämpft wurden, genügten heute drei Spritztouren weniger. Besonders signifikant ist der Rückgang beim Kupfer, das auch im ökologischen Weinbau noch als weitgehend unverzichtbar gilt. Hier sei die Menge von 9 auf 3 bis 4 Kilogramm je Hektar gesunken. Insekten wie der Traubenwickler müssen keine chemische Keule mehr fürchten, dafür werden sie von Duftstoffen derart verwirrt, dass sie sich nicht mehr fortpflanzen können. Die Dauerbegrünung gehört überall dort zum Standard, wo die Bodenverhältnisse dies zulassen und den Reben genügend Wasser zur Verfügung steht. Davon profitieren Fruchtbarkeit und Grundwasser, außerdem entsteht ein wirkungsvoller Schutz vor Erosion.

Dass die Einkaufsliste für Chemikalien aller Art kleiner geworden ist, spüren die Weingärtner nicht unbedingt am Geldbeutel. Notwendig sind jetzt modernste technische Gerätschaften, deren Anschaffung kostspielig ist. Ein Tunnelspritzgerät, bei dem eine Folie die Rebzeile umschließt und so die Abdrift verhindert, kostet um die 25 000 Euro. Auch Computer werden benötigt, um an Messnetze angeschlossen zu werden und den gezielten Einsatz von Fungiziden und Herbiziden effizient zu steuern.

Bei der Züchtung neuer Rebsorten genießt die Resistenz gegen Krankheiten oberste Priorität. Hier sind freilich keine schnellen Erfolge zu erwarten, warnte Bäder: "Das kann bis zu 60 Jahre dauern."