Umweltprobleme gab es schon vor dem Automobil. In New York verkehrten Pferdekutschen. Die Emissionen waren die Pferdeäpfel, um deren rapide Anhäufung man sich Gedanken machte. Sollte die Mobilität des Menschen im gleichen Tempo weitergehen, würde Manhattan alsbald im Mist ersticken, rechneten Statistiker aus.

Es ist nicht ganz so gekommen, wie wir heute wissen. Dabei hat die Mobilität nie für möglich gehaltene Ausmaße angenommen. An einem Tag werden heute in New York und anderswo Menschenmassen bewegt, für die Pferdekutschen Monate brauchen würden. Was damals wie heute nicht vorhergesagt werden konnte, ist eine für Wachstum und Wohlstand bedeutende Größe: der technische Fortschritt. Er entwickelte Pferdekutschen zu Autos weiter, aus zuckelnden schweren Straßenbahnen wurden im Laufe der Zeit rasend schnelle U-Bahnen.

Der technische Fortschritt macht möglich, was es zuvor nicht gab. Innovation ist ein Wesensmerkmal von Wirtschaft, ja des Menschen schlechthin: Wer etwas Neues findet, was besser ist als das Alte, wird belohnt. Eine Welt ganz ohne technischen Fortschritt ist unvorstellbar. Nur im Paradies, in der Vollkommenheit strebt niemand mehr nach Verbesserungen. Auf Erden aber wird der Mensch vermutlich nie wunschlos glücklich sein, auch im materiellen Sinne. Auf Erden gibt es freilich unterschiedliche wirtschaftliche, politische oder kulturelle Umstände, in denen Innovationen mehr oder weniger gedeihen. Die Wirtschaftsgeschichte lehrt: In reglementierten Wirtschaftssystemen gedeiht keine Innovation.

Karl-Heinz Paqué, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität Magdeburg, hat auf einer Tagung der Akademie für politische Bildung Tutzing auf das qualitative Wachstum abgehoben. Anders als in Schwellenländern, die durch verstärkte Produktion enorme Wachstumsraten erzielen, können wohlhabende Länder "nur durch Produktinnovationen wachsen" - und das auch nur noch in relativ überschaubaren Raten. Zweistellige Zuwächse waren (noch) in China, Indien oder Brasilien möglich, nicht mehr in Deutschland, und auch nicht mehr in den dynamischen USA.

Paqué hat das Buch "Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus" geschrieben. Darin benennt er die Triebfeder allen Wirtschaftens so: "Entdeckung neuen Wissens und dessen kommerzielle Umsetzung - also: Innovation". In einem Interview sagt er, dass niemand gerne mit einem 20 Jahre alten Volvo oder Daimler fahren möchte - übrigens auch nicht aus ökologischen Gründen. Auf der Tutzinger Tagung sagte er: "Es gibt immer ein Wettrennen um das Wissen." Deshalb ist für eine Volkswirtschaft wie der deutschen, die nicht von Rohstoffen leben kann, die "Wissensproduktion" so wichtig, ebenso der Erhalt bestimmter Fähigkeiten. Wenn ein Land solche industrielle Fähigkeiten aus der Hand gebe - wie das Großbritannien in der jüngeren Vergangenheit getan hat - büße es Wohlstand ein.

Die Wachstumsskeptiker, von denen in dieser Serie bereits die Rede war, halten Paqué den so genannten Rebound-Effekt vor: Zwar führen technischer Fortschritt und Innovationen dazu, dass Neues mit weniger Aufwand und damit auch umweltverträglicher produziert wird; aber dadurch, dass der Konsum dann allgemein steigt, wird dieser Umweltvorteil wieder zunichte gemacht. Beispiel: Moderne Autos verbrauchen viel weniger Sprit und stoßen viel weniger Abgase aus; aber dafür fahren immer mehr Menschen auf der Welt mit dem Auto.

Einer dieser Wachstumsskeptiker ist Reinhard Loske, Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke. Der politisch für die Grünen aktive Wissenschaftler stellt die Frage nach Wachstum und Glück, die in einer späteren Folge dieser Serie noch näher beleuchtet werden wird: "Brauchen die Bewohner der reichen Industriestaaten wirklich immer mehr vom Gleichen, um zufrieden zu sein?"

Immer mehr vom Gleichen? Heute sind Computer, Internet, Handys - Dinge, die vor wenigen Jahrzehnten keiner kannte - weiter verbreitet als das Auto, das schon vor mehr als hundert Jahren erfunden wurde. Und was in fünfzig Jahren unser Leben prägen wird, vermag niemand vorherzusagen. In Tübingen arbeitet Professor Heinrich Bülthoff mit einem Team am Projekt "Mycopter". Es handelt sich um eine Zukunftsvision des alten Menschheitstraumes vom Fliegen: Jeder kann vielleicht mal in einem fliegenden Auto herumschwirren und auf dem Parkplatz landen. Das selbstfahrende Auto war auch undenkbar, heute ist es Realität. Die Fortschritte auf anderen Gebieten, etwa der Medizin, sind sensationell.

Menschen auf dem Mars, menschliche Gehirnverbindungen auf Computer kopiert, Fleisch aus dem Labor? Das klingt für uns heute noch als Vision, aber viel Geld ist dafür schon investiert worden. Vor allem in den USA. Deutschland hatte früher mehr Visionen - hier wurde das Auto, der Computer, das Faxgerät erfunden. Heute melden die USA, relativ gesehen, doppelt so viele Patente an wie Deutschland, Japan und Südkorea sogar vier beziehungsweise fünf mal so viele.

Deutschland ist Spitze, bereits Erfundenes zu perfektionieren. Für Neues scheinen die Rahmenbedingungen heute nicht mehr so fruchtbar zu sein, stellen Experten fest.

Wellen der Innovation