VW VW bleibt Getriebener im Diesel-Skandal

Nachdenklicher VW-Chef Matthias Müller. Bei Marktmanipulation droht eine Haftstrafe.
Nachdenklicher VW-Chef Matthias Müller. Bei Marktmanipulation droht eine Haftstrafe. © Foto: Bildquelle
Stuttgart / dpa 18.05.2017
Zahllose juristische Baustellen überschatten die Aufarbeitung des Diesel-Skandals bei VW. Wäre es nicht an der Zeit, einfach nur wieder Autos zu verkaufen? Keine Chance.

Dieselskandal, Milliardenzahlungen, Ermittlungen, Aufarbeitung – und dann neue Ermittlungen: Manch einer aus der VW-Führungsriege dürfte sich wünschen, einfach wieder arbeiten und das düstere Kapitel Abgas-Skandal endlich abhaken zu können, mehr als anderthalb Jahre nach dem Beginn in den USA. Und wirklich begannen die Wogen sich gerade zu glätten: Stolz verkündet VW satte Gewinne im ersten Quartal. Da hinein platzt nun die nächste schlechte Nachricht. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen des Verdachts auf Marktmanipulation gegen aktuelle und ehemalige Top-Manager – diesmal aber des VW-Haupteigners Porsche SE.

Allerdings sind die Beschuldigten teils dieselben wie in bisherigen Verfahren. Im Fokus stehen Ex-VW-Konzernchef Martin Winterkorn und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch, aber erstmals auch Winterkorns Nachfolger Matthias Müller. Denn neben Müller waren – oder sind – auch die anderen Beschuldigten für die Beteiligungsgesellschaft tätig: Winterkorn war Porsche-SE-Chef, Pötsch Finanzvorstand und Müller Vorstand für Unternehmensentwicklung und Strategie. Trotz der Konzentration auf die Manager der Beteiligungsgesellschaft ist für Autoexperte Stefan Bratzel klar: Das juristische Nachspiel des Dieselskandals schwebe über der Zukunft von Volkswagen.

Schwer einzuschätzen ist nach Einschätzung des Experten vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, wie stark die Ermittlungen dem Geschäft und dem Image von Volkswagen schaden. Fest stehe: Der Skandal müsse auf- und abgearbeitet werden, betont Bratzel. „Eine andere Chance haben sie nicht.“ Schwerer allerdings dürften die Ermittlungen für die Führungskräfte selber wiegen, mutmaßt Bratzel. Er spricht von einer „unschönen Belastung“, mit der schwer umzugehen sei.

Was war geschehen? Im September 2015 hatten US-Behörden aufgedeckt, dass Volkswagen in den USA die Abgasmessung von Dieselfahrzeugen manipulierte. Danach brach der Börsenkurs ein, die Aktien verloren zwischenzeitlich fast die Hälfte ihres Werts. Das rief wütende Anleger auf den Plan, die Volkswagen vorwarfen, zu spät über den Betrug informiert zu haben.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart spricht nun von einem „Anfangsverdacht“, wonach dies auch im Fall der Folgen der Krise für die Porsche SE geschehen sei. Der VW-Hauptaktionär weist die Vorwürfe zurück, wie zuvor auch schon VW in eigener Sache. Der Stuttgarter Fall ist bei weitem nicht das einzige Verfahren, in dem es zumindest mittelbar um Volkswagen und die Dieselaffäre geht. Auch bei der Braunschweiger Staatsanwaltschaft laufen Ermittlungen wegen des Verdachts der Marktmanipulation – dort ist Müller allerdings nicht betroffen. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Car-Institut an der Universität Duisburg-Essen vergleicht die Lage von Volkswagen mit der etwa der Deutschen Bank, die die vielen Verfahren in der Vergangenheit „gelähmt“ hätten.

Branchen-Experte Willi Diez schränkt ein, zwar dürfte es für einige Jahre Scharmützel und immer wieder auch Klagen geben. Wichtig sei aber, dass Volkswagen in den USA die amerikanische Front beruhigen konnte, erklärte der Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (Ifa) an der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Dort hat sich der Autoriese bereits auf einen milliardenschweren Vergleich einlassen müssen. Die Ermittlungen binden aus seiner Sicht Management-Kapazität, seien Nadelstiche für das Image der Marke, dennoch dürfte VW das Schlimmste überstanden haben – wenn nicht „ganz gravierende Dinge“ passierten.

Ist das möglicherweise schon geschehen? Eine weitere Baustelle tat sich für das VW-Führungsteam erst vor wenigen Tagen auf: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt gegen vier amtierende und frühere VW-Manager – aber im Zusammenhang mit VW-Betriebsratsboss Bernd Osterloh. Der Verdacht: Untreue. Die Manager sollen dem Betriebsratschef zu hohe Bezüge genehmigt haben.

Nicht nur für den Betriebsratschef ist all dies unangenehm, sondern auch für VW. Der Autobauer ist gerade erst dabei, mit der Reform der Vergütung von Vorstand und Aufsichtsrat bescheidener aufzutreten. Und das in einer Phase, in der es für Volkswagen wieder besser lief: Das Geld sprudelt, selbst die lange Zeit gewinnschwache Kernmarke VW verkündet endlich Erfolge, Millionen manipulierter Dieselfahrzeuge sind umgerüstet. Doch VW schafft es einfach nicht, mal für eine Weile aus den Schlagzeilen zu verschwinden.

Anleger sollen nicht benachteiligt werden

Wenn sich bei einem Unternehmen auf einmal milliardenschwere Risiken auftun, kann das den Aktienkurs dieser Firma empfindlich beeinflussen. Damit einzelne Anleger nicht benachteiligt werden und erst verspätet auf einen möglichen Kurseinbruch reagieren können, hat der Gesetzgeber Regeln für die Veröffentlichung erlassen: die so genannte Ad-hoc-Publizitätspflicht. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Beteiligten im Wertpapiergeschäft unverzüglich den gleichen Informationsstand haben. Geregelt ist das im Detail im Wertpapierhandelgesetz sowie in der Verordnung zur Konkretisierung des Verbotes der Marktmanipulation. In der Praxis ist es aber immer wieder umstritten, welche Informationen eine Ad-hoc-Mitteilung erfordern – und wann die Veröffentlichung zu erfolgen hat. dpa

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