Berlin Vorzeitig in Rente

DIETER KELLER 13.07.2012
Wegen psychischer Störungen gehen immer mehr Arbeitnehmer vorzeitig in Rente. Auch bei der Rehabilitation gewinnen sie deutlich an Gewicht - ein Grund dafür, dass das Reha-Budget bald nicht mehr reicht.

Psychische Erkrankungen sind mit Abstand der wichtigste Grund, vorzeitig in Rente zu gehen. 2011 entfielen über 40 Prozent aller neuen 178 000 Renten wegen Erwerbsminderung auf diese Diagnose, berichtete Marion Götz von der Deutschen Rentenversicherung Bund in Berlin. Dabei geht die Schere zum zweitwichtigsten Grund, orthopädischen Problemen, weiter auseinander: Vor zehn Jahren lagen beide noch mit jeweils rund 50 000 Betroffenen etwa gleichauf. Seither fielen die orthopädischen Gründe unter 30 000, die psychologischen stiegen auf 73 300.

"Die Rentenversicherung ist nur das letzte Glied in der Kette der Gesundheitsversorgung", so Götz. Das gilt auch für die Rehabilitation, also Maßnahmen zur Wiederherstellung der Arbeitskraft, umgangssprachlich oft "Kuren" genannt: Wegen psychischen Störungen genehmigten die Rentenversicherer im vergangenen Jahr insgesamt 130 700 stationäre Aufenthalte in Reha-Kliniken, gut 50 Prozent mehr als im Jahr 2006. Damit waren sie der dritthäufigste Anlass nach orthopädischen Problemen und Krebserkrankungen.

Grund dieser Entwicklung ist nach Einschätzung von Götz weniger die Zunahme psychischer Erkrankungen. Vielmehr werden sie häufiger in den Anträgen beim Namen genannt, satt sie hinter anderen Diagnosen wie etwa Rückenproblemen zu verstecken. Frauen nehmen die Maßnahmen fast doppelt so oft in Anspruch wie Männer. Das Durchschnittsalter der Patienten ist mit 47 Jahren besonders niedrig, die Verweildauer in den Reha-Kliniken mit 39 Tagen besonders hoch. Die Maßnahmen wirken: 85 Prozent bleiben in den folgenden zwei Jahren im Beruf, sie müssen nicht vorzeitig Rente beantragen.

Bei den Rehamaßnahmen insgesamt stoßen die Rentenversicherer an Grenzen: Schon 2011 haben sie ihren Etat von 5,53 Mrd. EUR zu 99 Prozent ausgeschöpft. Sie können ihn nicht einfach erhöhen: Gesetzlich ist festgelegt, dass er nur so stark steigen darf wie die Bruttolöhne. Doch der Bedarf wächst: Derzeit kommen geburtenstarke Jahrgänge ins klassische Reha-Alter von 50 Jahren. Weil das Rentenalter stufenweise auf 67 Jahre erhöht wird, sollen sie länger arbeiten. Zudem nehmen chronische Erkrankungen zu.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will den "Reha-Deckel", also die Begrenzung des Budgets, erst 2017 etwas lockern. Die Rentenversicherer fordern dies bereits ab 2013. "Es soll keine Bewilligung nach Kassenlage geben", nennt Götz die Alternative. 2011 wurden 64 Prozent der 2,09 Mio. Anträge genehmigt. Möglichkeiten, die Effizienz der Maßnahmen zu erhöhen, gebe es kaum.