Stuttgart / BIANCA FRIESS (MIT EPD)  Uhr
Vegetarische Lebensmittel werden immer beliebter. Davon profitieren auch große Fleischkonzerne, die entsprechende Produkte anbieten. Die Metzger in Baden-Württemberg sehen den Trend aber kritisch.

Vegetarische Nuggets, vegetarische Wiener, vegetarische Fleischwurst: Wer sich durch das Sortiment großer Fleisch- und Wursthersteller klickt, stößt auf viele Alternativen. Der Markt für vegetarische und vegane Lebensmittel boomt. Der Umsatz stieg in den vergangenen Jahren stetig an, die durchschnittliche Wachstumsrate lag bei fast 17 Prozent pro Jahr. Im vergangenen Jahr wurden mit Fleisch- und Milchalternativen sowie vegetarischen Frühstücksprodukten 454 Mio. EUR erwirtschaftet Das berichtet das Institut für Handelsforschung (IFH).

Dazu trägt auch die zunehmende Anzahl der so genannten Flexitarier bei: Konsumenten, die sich zwar nicht konsequent vegetarisch ernähren, aber trotzdem nicht jeden Tag Fleisch essen wollen. Diese Gruppe macht knapp 24 Prozent der Bundesbürger aus, berichtet das IFH. Sie sind die Hauptabnehmer von Fleischalternativen. Etwa 4 Prozent der deutschen Bevölkerung ernährt sich außerdem konsequent vegetarisch oder sogar vegan.

Darauf setzen viele Fleischproduzenten. Der Geflügelhändler Wiesenhof in Visbek in Niedersachsen hat zum Beispiel ein vegetarisches Aufschnitt-Sortiment und Tiefkühlschnitzel im Angebot. Marktführer auf dem Veggie-Markt ist die Rügenwalder Mühle (Bad Zwischenahn in Niedersachsen), die 20 fleischfreie Produkte in ihrer Palette hat.

Auch in Baden-Württemberg sei dieser Trend angekommen, sagt Ulrich Klostermann, Geschäftsführer des Landesinnungsverbands für das Fleischerhandwerk in Baden-Württemberg. Das bestätigt Frank Kimmer, Assistent der Geschäftsführung beim Schlacht- und Zerlegeunternehmen Müller Fleisch in Birkenfeld bei Pforzheim: "Das ist ein zunehmender Trend, die Leute verabschieden sich vom Fleisch." Er hält es für legitim, dass die Hersteller deshalb versuchen, sich neue Märkte zu erschließen. Das Familienunternehmen bietet aber keine Fleischersatzprodukte an, das sei eher ein Thema für Wursthersteller.

Auch die Handwerksbetriebe, die die Fleischerinnung vertritt, verkaufen keinen Fleischersatz. "Das ist auch nicht gewünscht", sagt Geschäftsführer Klostermann. Er sieht den Fleischersatz eher kritisch: Die Ersatzprodukte seien meist industriell gefertigt, ihn schreckt der hohe Anteil chemischer Zusatzstoffe ab.

Das gibt auch der Vegetarierbund Deutschland e.V. (Vebu) zu bedenken: "Wenig verarbeitete Lebensmittel sind immer gesünder als solche, die stark verarbeitet wurden", sagt Sebastian Joy, Geschäftsführer bei Vebu. Generell begrüßt der Verband jedoch, dass vegetarische und vegane Produkte leichter verfügbar gemacht werden. In den nächsten Jahren werde die Vielfalt noch zunehmen.

Kleinere Anbieter mit einem rein vegetarischen oder vegangen Produktangebot haben es dabei aber häufig schwer - auch wegen der Konkurrenz der großen Fleischkonzerne. So ergeht es etwa dem Tofu-Unternehmen "Lord of Tofu" aus Lörrach. Ihr Fleischersatz wurde schon vor Monaten aus dem Sortiment einiger Händler gestrichen. Natürlich sei es für den Lebensmitteleinzelhandler einfacher, beim Fleischlieferanten auch Veggie-Produkte mit zu bestellen, berichtet das Unternehmen. Das neue "Veggiefleisch" bestehe aber überwiegend aus Eiern von Hühnern, die in Massentierhaltung leben müssten.

Grundsätzlich werden aber auch die kleineren Unternehmen wie "Lord of Tofu" davon profitieren, dass sich immer mehr Konsumenten für Fleischalternativen interessieren, sagt Joy von Vebu.

Trotz des Umsatzplus der Branche sind die Fleischersatzprodukte noch ein Nischenthema, sagt Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Lebensmittelindustrie. Laut einer Umfrage hätten 84 Prozent aller Verbraucher noch nie Fleischersatzprodukte gegessen.

Der Fleischkonsum bleibe über die Jahre dagegen stabil: Aktuell werden rund 60 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr verzehrt, sagt Minhoff.

Der typische Vegetarier

Frauenthema Vegetarische und vegane Produkte sind vor allem ein Frauenthema, berichtet das Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln: Zu 81 Prozent seien Veganer und Vegetarier weiblich. Zudem sind die meisten mit maximal 29 Jahren überdurchschnittlich jung und gut gebildet. Vor allem ethische, nachhaltige und biologische Themen sind Vegetariern und Veganern wichtig. Das ergab eine aktuelle Studie, die in diesem Jahr veröffentlicht wurde. Dafür wurden mehr als 1000 Konsumenten befragt.

Angebot Die Verbraucher wollen fleischlose Produkte in den Geschäften kaufen, die sie auch für ihre übrigen Einkäufe aufsuchen, berichtet das IFH. Darum ist der Lebensmitteleinzelhandel bemüht, sein Sortiment an die Kundenwünsche anzupassen.