Wer über absteigende Großmächte der Gegenwart redet, kann nur die Vereinigten Staaten meinen - sie stehen ohne Konkurrenz da. Wer von aufsteigenden Mächten redet, meint eine Reihe von Schwellenländern, allen voran China. Andreas Falke schneidet beide Entwicklungen gegeneinander und spricht von einer "ziemlich atemberaubenden Entwicklung". Allein dieses Zahlenpaar verdeutliche es: Die Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt/BIP) Chinas, Brasiliens und Indiens zusammen machte im Jahr 2000 etwa 20 Prozent dessen aus, was die USA erwirtschaftete; zehn Jahre später waren es 75 Prozent.

Bedenkliche Trends Pro Kopf bringt China allerdings erst 20 Prozent der US-Wirtschaftsleistung auf die Waage. Der vielstimmig besungene und prognostizierte Niedergang der USA ist für Falke allenfalls "ein relativer Abstieg". Zumal sich die Wirtschaft der USA seit dem Vergleichs- und weltweiten Krisenjahr 2010 inzwischen erholt hat, besser jedenfalls als Europa.

Die Analyse Falkes fördert gleichwohl eine Reihe von bedenklichen Trends aus der jüngeren Geschichte der Großmacht zu Tage: Die Zahl der Erwerbstätigen ist in den vergangenen 20 Jahren deutlich gesunken, die der Langzeitarbeitslosen gestiegen, ebenso die Ungleichheit zwischen reich und arm, die öffentliche Infrastruktur ist deutlich schlechter geworden. Auf der anderen Seite kann die Wende auf dem Energiesektor nach Ansicht des Amerika-Experten nicht hoch genug eingeschätzt werden: Die USA, die Öl einkaufen mussten, sind zum Exporteur geworden.

Besitzverhältnisse entscheidend Wer wie Falke auf die 2000 größten globalen Konzerne blickt, stellt fest: "Die USA sind immer noch führend in vielen Bereichen." Ähnlich sieht es bei transnationalen Übernahmen und Fusionen aus. Noch extremer wird die amerikanische Übermacht beim Blick auf die Eigentümerstruktur der 500 größten börsennotierten Konzerne auf der ganzen Welt. Deren Kapital liegt zu 46 Prozent in der Hand von Amerikanern - selbst wenn die Firma in einem anderen Land ihren Sitz hat und dort gemanagt wird. Auch das relativiert den Bedeutungsverlust der US-Wirtschaft - gemessen am relativen Rückgang des globalen BIP-Anteils.

Man spricht vom Wal Mart- oder Apple-Effekt. Der Computer-Hersteller Apple, der gerade den höchsten Quartalsgewinn der Weltwirtschaft eingefahren hat, lässt seine Smartphones in Asien zusammenbasteln - aber die größte Wertschöpfung bleibt im Land: Design, Forschung und Entwicklung, Patente, Vermarktung. Der Einzelhändler Wal Mart wiederum setzt weltweite Standards des Konsums, in China beträgt sein Anteil am Einzelhandel des Milliardenvolkes immerhin 8 Prozent.

Die US-Firmen sind überdies in wichtigen Sektoren technologisch führend und erfolgreich: Luftfahrt, Rüstung, Computer-Hardware, Finanzdienstleistungen, Medien oder Transport.

Falke führt weitere Belege für eine US-Übermacht in der Weltwirtschaft auf: den dominierenden Finanzsektor, die globalisierte Wirtschaft und die privaten Besitzverhältnisse: 40 Prozent des globalen Privatvermögens gehört US-Amerikanern, 42 Prozent der Millionäre auf der Welt sind Amerikaner, nur 4 Prozent Chinesen. "Entscheidend sind die Besitzverhältnisse", sagt Falke.

Konkurrent China Der USA-Experte Falke sieht den großen Emporkömmling auf der weltpolitischen Bühne, China, noch längst nicht auf Augenhöhe mit den Amerikanern. Wieder ein kleines Beispiel: China ist zwar der größte Exporteur von Elektronik-Produkten, die aber zu 90 Prozent von Firmen in ausländischem Besitz stammen. Das Reich der Mitte stehe zudem vor großen Herausforderungen beim Übergang eines Schwellenlandes mit einfacher Industrieproduktion hin zu komplexer Produktentwicklung, Design und Innovationen. Auch die Umsteuerung auf mehr Dienstleistungen und Nachfrage aus dem Inland bei rapide steigenden Löhnen sei nicht so einfach.

Beim Vergleich der militärischen und geostrategischen Verhältnisse ist der Abstand zwischen den USA und dem Rest der Welt ohnehin augenfällig. Washingtons Verteidigungshaushalt umfasste 2011 rund 700 Mrd. Dollar (628 Mrd. EUR); Russland und China zusammen brachten es auf ein gutes Drittel davon (250 Mrd. Dollar/224 Mrd. EUR). Selbst in den ostasiatischen Gewässern beherrschen die USA die Schifffahrtsrouten (Öl für China wird durch die Straße von Malakka transportiert). Für Falke fordern die Chinesen die USA lediglich gewissermaßen vor ihrer eigenen Haustür heraus. Doch die Amerikaner haben sich dort mit 50 Alliierten verbündet, davon haben ein Dutzend politisches und ökonomisches Gewicht. Aufstrebende Großmächte wie Indien, Brasilien, Türkei, Südkorea oder Indonesien sähen sich ebenfalls den USA näher als den Chinesen.

Fazit "Ich bin nicht mehr so pessimistisch", antwortet der Politik-Professor auf die Frage, ob die USA eine absteigende Großmacht sei. Die ganze Niedergangsdebatte beziehe sich ohnehin auf die enge Zeitspanne vom Ende des Kalten Kriegs bis zur Finanzkrise (1990 bis 2007). Sie rühre auch daher, dass das internationale Umfeld komplexer geworden sei und der Aufstieg von Schwellenländern neue Gewichte setze. Die Ressentiments gegen die westliche Dominanz des internationalen Systems und seiner Institutionen (etwa Internationaler Währungsfonds) seien eine fast logische Folge dieses Aufstiegs. In Indien und China komme noch das Gefühl einer historischen Erniedrigung durch den Westen hinzu. Andererseits seien viele aufstrebenden Länder durchaus daran interessiert, dass das US-dominierte internationale System bestehen bleibe.

In den USA selber gebe es derzeit "eine isolationistische Grundströmung". Aber sie bereitet Falke keine Bauchschmerzen: "Die Elite wird immer international orientiert bleiben." Kern jeder USA-Politik, gleich welcher Regierung, sei schließlich der "geopolitische Realismus".

Und Europa? Das werde von der Verschiebung der globalen Machtbalance viel stärker getroffen als die Weltmacht USA.

Zur Person vom 14. März 2015

Andreas Falke (63) ist Politologe und Professor für Politikwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg. Nach dem Studium der Sozialwissenschaften, Volkswirtschaftslehre und Anglizistik an der Uni Göttingen und in den USA arbeitete er einige Jahre in der amerikanischen Botschaft in Bonn. 1996 habilitierte er sich mit einer Arbeit über die amerikanische Handelspolitik. Seit 2002 hat er den Lehrstuhl für Auslandswissenschaften an der Uni Erlangen-Nürnberg inne. Falke ist Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts (DAI) in Nürnberg.

Literaturhinweis Falke empfiehlt das Standardwerk: Acemoglu/Robinson: Warum Nationen scheitern - Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. Fischer Taschenbuch, 608 Seiten, 14.99 Euro.