Auto Und was nun?

Autos fahren an einer Messstation in Essen vorbei. In der Stadt dürfte es bald Fahrverbote geben.
Autos fahren an einer Messstation in Essen vorbei. In der Stadt dürfte es bald Fahrverbote geben. © Foto: Bildquelle
Ulm / Von Thomas Veitinger 17.11.2018

Elke Stein ist mit ihrem Volvo XC60 Diesel zufrieden. Dabei wohnt die Autobesitzerin – die in Wirklichkeit anders heißt – in Stuttgart. „Er fährt super, ist nie kaputt und verbraucht wenig”, sagt die allein­erziehende Mutter von zwei Kindern. Baden-Württemberg muss laut Verwaltungsgerichtshof umgehend Fahrverbote für Diesel der Euronorm 5 in der Landeshauptstadt planen. Von Neujahr an sind bereits Fahrverbote für Fahrzeuge der Euronorm 4 und schlechter vorgesehen. „Dass ich mit meinem Euro-5-Fahrzeug was machen muss, ist mir auch klar. Aber ihn verschrotten wäre unsinnig, er steht da wie eine Eins“, sagt Stein.

Bereits im vergangenen Winter hat sie sich deshalb an ihre Volvo-Werkstatt gewandt. Die Antwort damals: „Warten Sie mal ab, wir wissen nicht, ob was kommt.“ Stein hätte gern eine Nachrüstung: „Warum nicht einen kleinen Adblue-Tank einbauen?“ Selbst wenn das 2000 oder 3000 € kosten würde, wäre es für sie eine Überlegung, schließlich sei der SUV trotz seiner 75 000 Kilometer Laufleitung deutlich mehr wert als eine Umtauschprämie. An dem Geld habe sie darum auch kein Interesse.

Nachdem von Volvo nichts zu hören war und die Fahrverbote näher rücken, hat sie erneut nachgefragt. „Beim ersten Mal hing ich in der Telefonschleife, beim zweiten Mal war keiner zu sprechen.“ Beim dritten Anruf fragte der Werkstattmeister nach, wie sie denn auf eine Nachrüstung komme. Zwar plant Volvo nach Informationen des Bayerischen Rundfunks für seine Kunden ein Nachrüstangebot zusammen mit dem Bamberger Katalysatoren-Hersteller Dr. Pley. „Doch davon wusste der Meister nichts. Er sagte, ich wisse da mehr als er.“ Sie solle sich an die Hotline wenden.

Verkaufen, Neukaufen, Nachrüsten, Weiterfahren: Wer einen Diesel fährt, muss sich entscheiden. Klar ist: Wird ein Software-Update vom Kraftfahrt-Bundesamt angeordnet, müssen Besitzer in die Werkstätten fahren, sonst droht die Stilllegung des Fahrzeugs. Audi etwa hat nun den ersten von acht Rückrufen mit 151 000 Autos der Mittel- und Oberklasse gestartet. Das Update werde sich „weder auf Kraftstoffverbrauch, CO2-Emissionswerte, Motorleistung, maximales Drehmoment und Geräusch­emissionen noch auf die Dauerhaltbarkeit des Motors und des Abgasnachbehandlungssystems negativ auswirken“, sagt Audi zu. Experten bezweifeln das.

Durch Fahrverbote fluten Euro-5-Pkw den Gebrauchtwagenmarkt, wo es schon ein Überangebot an Dieseln gibt. Händler haben derzeit 400 000 Euro-5-Diesel auf den Höfen stehen. Die sind kaum zu verkaufen – und wenn, nur mit deutlichem Wertverlust, teilt der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe mit und befürchtet ein Händlersterben. Viele Selbstzünder werden ins Ausland abgegeben. Fahrzeuge, die durch die Umtauschprämien mit bis zu 11 000 € bei den Händlern landen, verschärfen den Preisverfall zusätzlich.

Die Prämien sind umstritten. Bei vielen Anbietern werden diese nur auf den Listenpreis gegeben – den niemand bezahlt. So kann es passieren, dass Autos mit Umtauschprämie teurer sind als Modelle aus dem Autohaus. In Ulm gibt es Händler, die mit diesen Prämien locken. Andere reduzieren hier den Preis nur für Bewohner mit einem Erstwohnsitz von bis zu 70 Kilometer rund um die von Fahrverboten bedrohte Stadt Reutlingen. Bei manchen Herstellern ist noch gar nicht entschieden, ob ein Rabatt gewährt wird. Oder es wird auf allgemeine Rabatte verwiesen, die ohnehin mehr brächten.

Wer kein Geld für ein neues Auto ausgeben will oder kann, dem nutzt eine Umtauschprämie auch nichts. Zudem geben viele Hersteller laut Autobmobilwoche die Dieselprämie nicht voll an Kunden weiter.

Der Kompromiss zwischen Bundesregierung und Herstellern, wonach ab 2020 Euro-5-Fahrzeuge kostenfrei nachgerüstet werden, ist umstritten. In 34 Städten drohen Fahrverbote, 2019 müssen Dieselfahrzeuge möglicherweise viele stark befahrene Straßen meiden. Umstritten ist, ob die Nachrüstsätze bereits einsetzbar sind oder noch bis 2020 entwickelt werden müssen. Der ADAC hält die Nachrüstung für machbar, sieht aber keine Notwendigkeit einer flächendeckenden Nachrüstung. Eine Initiative will nicht warten und Fahrzeuge mit einem Katalysator und Tank für Adblue auf Euro-6d-Niveau für rund 2000 € anbieten.

Für Elke Stein wäre dies eine Alternative. „Mir widerstrebt, mein Auto wegzuwerfen, nur weil etwas nicht stimmt. Das mache ich mit anderen Sachen auch nicht.“ Wenn es zu Fahrverboten in Stuttgart komme, wolle sie sich als Wenigfahrerin trotzdem ins Auto setzen: „Wie wollen sie einen Verstoß denn kontrollieren?“

„Fahrverbote sind Gift für den Handel“

Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbandes Deutschland (HDE),   wehrt sich gegen die in immer mehr Städten drohenden Diesel-Fahrverbote: „Fahrverbote müssen ein für alle Mal vom Tisch.“ Sie seien „Gift für den Handel“, klagt er. An dieser Stelle müsse die Politik handeln. Die Lage sei ernst: Viele kleine Händler in der Innenstadt kämpften angesichts des boomenden Online-Handels ums Überleben. dpa

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