Stuttgart Trumpf-Seniorchef Leibinger (84) im Gespräch über seine späte Promotion

Berthold Leibingers Immatrikulation an der Technischen Universität Wien wäre fast gescheitert. Der Grund: In der Software war bis dahin der Jahrgang 1930 nicht vorgesehen.
Berthold Leibingers Immatrikulation an der Technischen Universität Wien wäre fast gescheitert. Der Grund: In der Software war bis dahin der Jahrgang 1930 nicht vorgesehen. © Foto: dpa
Stuttgart / BETTINA WIESELMANN 05.12.2014
An Würdigungen und Ehrungen bis hin zum Prof. Dr. h.c. fehlte es dem Ditzinger Ausnahme-Unternehmer Berthold Leibinger nicht. An einer Promotion aber schon. Die hat der 84-Jährige jetzt nachgeholt.

Herr Prof. Dr. Leibinger, wie kam es, dass Sie sich mit 82 Jahren ins Abenteuer einer Dissertation stürzten?
BERTHOLD LEIBINGER: Ich hatte "nur" einen Ehrendoktor, war auch auf meinen Diplomingenieur immer sehr stolz. Aber immer schon wollte ich mal eine Arbeit machen, in die man sich richtig vertiefen kann, es fehlte aber die Zeit dazu.

Gab es einen Auslöser?
LEIBINGER: Nach einem Vortrag in Österreich über Innovation trafen sich Referenten und Vorstände und ich wurde gefragt, was ich denn jetzt zu tun gedenke. Kurz zuvor hatte ich angekündigt, dass ich mit 82 Jahren meinen Aufsichtsratsvorsitz, also das letzte offizielle Amt bei Trumpf, niederlegen werde. Und da sprach ich davon, ein Buch schreiben zu wollen über meine Erfahrungen in der Werkzeugmaschinenindustrie. Und zwar einen Vergleich der Entwicklung in Deutschland, Japan und den USA, den drei großen Nationen auf diesem Sektor. Mich interessierte, warum die einen, die USA, aus einer Spitzenstellung fast in die Bedeutungslosigkeit abgesunken sind und andererseits die Japaner fast im gleichen Zeitraum aus dem Nichts an die Spitze gelangten.

Und die Deutschen?
LEIBINGER: Haben sich gut geschlagen. Ich fügte an, ich glaube, es gibt kaum einen Menschen, der diese drei Länder und ihre drei Industrien so gut kennt. 50 Jahre lang war ich in Deutschland tätig, über zwei Jahre in den USA und in Japan war ich 70mal auf Messen, Kongressen, in Firmen. Da sagte mir ein anwesender Professor der Technischen Universität Wien - zehn Jahre jünger als ich, aber emeritiert - machen Sie daraus eine Dissertation.

Mit all den Zwängen, die solch ein ordentliches Promotionsverfahren bedeutet?
LEIBINGER: Das begann schon mit der nötigen Immatrikulation, die fast gescheitert wäre, weil die Software bis dahin den Jahrgang 1930 gar nicht im Programm hatte. Inzwischen aber schon. Ich musste auch ein Seminar über die Lasertechnik im Maschinenbau besuchen und Prüfungen machen.

Das Thema war Ihnen doch auf den Leib geschneidert. Da konnte Ihnen doch keiner was vor machen.
LEIBINGER: Schon, aber es ist ein Unterschied, ob man eine Sache von oben dirigiert, oder von unten erklären können muss. Die Details des Wissens musste ich mir wieder erarbeiten. Wie ein Schülerbub hab' ich mich, meine Frau ist Zeugin, vier Wochen lang in jeder freien Minute auf diese mündliche Prüfung vorbereitet. Ich musste meine Arbeit auch einreichen, sie wurde kritisiert, ich habe Veränderungen vorgenommen. Schließlich gab es ein Rigorosum. Eine Stunde trug ich vor, in der zweiten Stunde führten die Professoren und ich ein Gespräch. Dabei wurde ich immer wieder gefragt, ob man Aussagen von mir zitieren dürfe, was mich erheiterte.

Jetzt gehören Sie als Dr. techn. zur wissenschaftlichen Gemeinschaft.
LEIBINGER: Mich hat das alles gefreut, ich habe mich angestrengt und es gab eine gewisse Bestätigung: Das kannst du auch.

Aber es ging Ihnen schon auch um eine Botschaft?
LEIBINGER: Natürlich. Es ist, wie ich auch geschrieben habe, ein altes Anliegen, dass man Erfahrungen weitergeben will. Aber es ist auch eine alte Erfahrung, dass das selten gelingt. Es ist also auch ein gewisses Vermächtnis. Man kann auch sagen, Sinnsuche im Alter bei nachlassenden Kräften. Ich bin ein vom Leben verwöhnter Mensch. Es gab großen wirtschaftlichen Erfolg, ich habe ein langes Leben, durfte gesund bleiben. Mit Blick auf meine Tochter Nicola, die das Unternehmen führt, kann ich glücklich feststellen: Wer kann schon einen Nachfolger aussuchen, den er liebt? Ich mache viel ehrenamtlich: bei der Bachakademie in Stuttgart oder beim Freundeskreis des Deutschen Literaturarchivs in Marbach und auch innerhalb des Unternehmens. Zudem pflege ich ein Netzwerk.

Welche Rahmenbedingungen muss es geben, damit eine Branche wie der Werkzeugmaschinenbau Erfolg haben kann?
LEIBINGER: Natürlich eine freiheitliche, auf der Eigenverantwortung basierenden Wirtschaftsordnung und die Möglichkeit weltweit zu agieren. Exemplarisch hat sich in Deutschland nachweisen lassen, was passiert, wenn es das nicht gibt. Die früher führenden Sachsen sind unter DDR-Bedingungen bedeutungslos geworden.

Freilich trifft dieses Urteil auch für den amerikanischen Werkzeugmaschinenbau zu.
LEIBINGER: Aber aus anderem Grund. Als ich 1958 nach Amerika kam, sah ich eine Industrie, die vor Kraft strotzte. Dann kam 1960 ihre Erfindung der numerisch gesteuerten, also durch einen Computer geführten Werkzeugmaschine hinzu. Die Deutschen haben das zunächst interessiert begutachtet, kritisiert, katalogisiert, aber nichts selbst gemacht. Es dauerte bis Mitte der 1960er Jahre, bis wir uns daran wagten. Die Japaner dagegen haben das aufgenommen wie ein Schwamm.

Aus ihrem technologischen Vorsprung haben die USA aber nichts gemacht.
LEIBINGER: Nein. Die einschlägige Industrie saß auf dem hohen Roß und hat sich auf ihren Hauptauftraggeber, die Luftfahrtindustrie, konzentriert und komplexe, auch zunächst störanfällige Werkzeugmaschinen produziert. Während die Japaner es einfacher und damit sicherer und erschwinglicher machten und dadurch mit riesigen Stückzahlen zunächst den amerikanischen und dann den Weltmarkt aufrollten.

Sie kritisieren in Ihrer Arbeit auch das Vordringen der Finanzindustrie in den USA.
LEIBINGER: Ja, das hat sich kontraproduktiv ausgewirkt. Mit Zusammenschlüssen unterschiedlicher Branchen in "Conclomerates" wollte man Auftragsschwankungen ausgleichen. Das ging schief.

Warum?
LEIBINGER: In unserer Branche ist die Verbindung von Unternehmensführung und Produkt notwendigerweise sehr tief. Man muss das Produkt, die Königin unter den Maschinen, lieben. Wir sind gewissermaßen arrivierte Schlosser, die das Umsetzen von Ideen und Forderungen unserer Kunden ermöglichen. Ohne Werkzeugmaschinenbau, der eine enge Verbindung zum Kunden braucht, gibt es keine industrielle Produktion.

Mit Blick auf Deutschland: Was macht die Standortqualität aus?
LEIBINGER: Ich halte unseren Forschungsstandort für ausgezeichnet, die sehr guten technischen Fakultäten, die Institute an den Universitäten und die Fraunhofer-Gesellschaft.

Gleichwohl wird geklagt, dass zu viele junge Leute studieren.
LEIBINGER: Die Akademisierung als Generallösung ist mit Sicherheit falsch. Die duale Ausbildung ist unser großes Pfund. Wir müssen junge, praktisch begabte Menschen für diese Ausbildung gewinnen. Dazu muss es, schon aus demografischen Gründen, gelingen, die Zuwanderer und ihre Kinder dafür zu gewinnen. Wenn irgendwo eine Quote Sinn ergeben würde, dann wäre es da.

Später Doktortitel

Promotion "Erfahrungen, Erfolge, Entwicklungen. Der Weg der Werkzeugmaschinenindustrien in Deutschland, Japan und den USA" hat Berthold Leibinger (84) seine 2014 an der Technischen Universität Wien vorgelegte Dissertation betitelt. Der späte Doktortitel erklärt sich aus dem Lebenslauf des erfolgreichen, vielfach geehrten Diplomingenieurs. Gleich nach dem Studium wurde Leibinger Konstrukteur beim Ditzinger Werkzeugmaschinenbauer Trumpf, den er später übernahm. Nach einem Arbeitsaufenthalt in den USA sorgte Leibinger mit seinen Entwicklungen bei Trumpf für das stete Wachstum des weltweit führenden Hochtechnologieunternehmens, das heute von seiner Tochter Nicola Leibinger-Kammüller geführt wird. Trumpf hat im Geschäftsjahr 2013/14 mit annähernd 11 000 Mitarbeitern rund 2,6 Mrd. Euro Umsatz erwirtschaftet. wie

SWP

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