Wirtschaft Thyssenkrupp: Eine Stadt kämpft um ihr industrielles Herz

Essen / Von Sebastian Weiermann 26.07.2018
Thyssenkrupp ist nicht irgendein Konzern – er ist Gigant, Mythos, Identitätsstifter. Ortsbesuch in der Krupp-Stadt Essen.

Wer sich mit der Firma und der Familie Krupp auseinandersetzen will, der fängt am besten im Essener Süden an. Hier, mit Blick auf das Tal der Ruhr und den Baldeneysee, liegt die Villa Hügel, das schlossähnliche Wohnhaus der einstigen Industriefamilie, das Symbol des Krupp’schen Selbstverständnisses. „Der Hügel“, wie das Areal von vielen Essenern noch heute ehrfürchtig genannt wird, ist am besten über seine eigene Bahnstation zu erreichen. Die ließ Friedrich Alfred Krupp bereits 1890 errichten, damit Gäste der Familie keine zu weite Anreise hatten. Für die Essener verkürzte sich mit dem Bahnhalt ganz nebenbei der Anfahrtsweg an die Ruhr und den später aufgestauten See. Ein Erholungsparadies für die Menschen aus dem von Zechen und Fabriken geprägten Essener Norden. Krupp, das gehörte zur Firmentradition, war stets darauf bedacht, seinen Arbeitern etwas Gutes zu tun. Das hat man hier nicht vergessen.

Die Villa Hügel, das war immer ein Stück Weltruhm, der Beweis, dass man auf Augenhöhe mit dem Adel der Zeit stand. Sie ist umgeben von einem 39 Fußballfelder großen englischen Park, das Haupthaus hat eine Wohnfläche von 8100 Quadratmetern. Auch dass Kaiser Wilhelm II. hier zu Gast war, hat man nicht vergessen. Der Stahlkonzern hat die Arbeiterstadt mit ihren heute 575.000 Einwohnern groß gemacht. Krupp war Essen und Essen war Krupp. All das muss man im Hinterkopf haben, wenn man auf den aktuellen Zustand des Mischkonzerns schaut.

156.000 Mitarbeiter

Denn der ist nicht gut. Zwar ist Thyssenkrupp noch immer ein Gigant: 156.000 Mitarbeiter hat der Konzern, der Jahresumsatz belief sich 2017 auf 43 Milliarden Euro, an der Börse ist er 14 Milliarden Euro wert. Doch der Gigant wankt – und das nicht erst seit gestern. Teile des Konzerns werfen keine oder nur sehr geringe Gewinne ab. Thyssenkrupp produziert schon lange nicht mehr nur Stahl, sondern auch Aufzüge, U-Boote, Autoteile. Eine weitere Sparte macht ihr Geld mit dem Anlagebau. Zu den Problemkindern gehört auch die traditionsreiche Stahlsparte. Dass man sich vor einigen Jahren mit Stahlwerken in Brasilien verkalkuliert hatte, hat da auch nicht besonders geholfen.

Das Kerngeschäft kränkelt

Vor rund einem Jahr schien dem damaligen Vorstandschef Heinrich Hiesinger der Befreiungsschlag zu gelingen. Er verkündete die Fusion der europäischen Stahlsparte mit dem indischen Konzern Tata. Nach anfänglichen Protesten konnte auch mit der IG Metall ein Kompromiss, der umfangreiche Beschäftigungsgarantien enthält, gefunden werden. Doch den am Konzern beteiligten Investoren wie Cevian und Eliot reicht das nicht. Cevian-Gründer Lars Förberg verkündete Anfang des Jahres, zeitgleich zur Thyssenkrupp-Hauptversammlung, dass die Aktie des Konzerns das Doppelte Wert sein könnte, wenn die Unternehmensstrukturen nicht so kompliziert wären. Eine Zerschlagung könnte an der Börse zu kräftigen Gewinnen führen. Die profitable Aufzugsparte etwa wäre heiß begehrt. Hiesinger aber hat eine Zerschlagung abgelehnt. Gemeinsam mit Arbeitnehmervertretern verwies er auf die sozialen Traditionen des Großkonzerns.

Nun ist Heinrich Hiesinger zurückgetreten, und viele geben der einflussreichen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung die Schuld dafür. Die Stiftung mit Sitz in einem Nebengebäude der Villa Hügel kümmert sich schließlich nicht nur um das kulturelle Erbe der Industriedynastie, sie ist auch der größte Einzelaktionär von Thyssenkrupp. Die Rücktritte von Hiesinger und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner lassen sie zumindest in keinem guten Licht dastehen.

Lehner hatte in einer Erklärung zu seinem Rücktritt geschrieben, das „Vertrauen der großen Aktionäre“ für die Gestaltung der Zukunft von Thyssenkrupp sei nicht in dem Maße gegeben, dass er dem Aufsichtsgremium weiter vorsitzen könne. Dabei mahnte er an, dass eine Zerschlagung des Konzerns zum Verlust vieler Arbeitsplätze führen würde. Dies sei „weder im Sinne des Stifters, noch im Sinne unseres Landes“. Der Krupp-Stiftung sitzt seit dem Tod Berthold Beitz’ 2013, der bei Krupp in den 1950er das Ruder übernahm, die Rektorin der Technischen Universität Dortmund, Ursula Gather, vor. Daran, dass ihr der Zusammenhalt von Thyssenkrupp am Herzen liegt, gibt es zunehmend Zweifel.

Eine, die auch an Ursula Gather zweifelt, ist Rixa Gräfin von Schmettow. „Ob die Frau Gutes im Sinn hat?“, fragt sie sich. Die 80-jährige Gräfin lebt seit 45 Jahren auf der Margarethenhöhe, einer Wohnsiedlung, mit der Krupp Stadtgeschichte geschrieben hat. Mal wieder. 1906 stiftete Margarethe Krupp aus ihrem Privatvermögen 50 Hektar Land und eine Million Mark. Architekt Georg Metendorf errichtete damit die erste Gartenstadt in Deutschland, deren Wohnungen nach modernsten Standards ausgerüstet wurden. Rixa von Schmettow kann Stunden über die Margarethenhöhe erzählen. An einem warmen Samstag sitzt sie Zeitung lesend vor dem Museum an der Pforte, in dem sie als ehrenamtliche Betreuerin arbeitet. Dass das Museum auch aus Mitteln der Krupp-Stiftung finanziert wurde, versteht sich von selbst. 

Zur Eröffnung 2006 war auch Berthold Beitz da, erinnert sich die Gräfin. Beitz habe sie auf ihren Namen angesprochen und erwähnt, dass sein Vater wohl unter einem ihrer Vorfahren im Ersten Weltkrieg gedient habe. „Beitz hatte ein hervorragendes Langzeitgedächtnis“, sagt von Schmettow. Und er habe die soziale Verantwortung des Konzerns noch ernst genommen. An Managern wie Gerhard Cromme, der für die Fusion mit Thyssen verantwortlich war, lässt sie hingegen kaum ein gutes Haar. Krupp und Essen, das sei lange nicht mehr dasselbe, was es einmal war. Früher hätte es geheißen, dass man „von der Wiege bis zur Bahre“ Kruppianer sei. Heute sei das anders.

Welche Rolle Krupp auch heute noch in Essen spielt, kann man überall in der Stadt beobachten. Das Folkwang-Museum, heute ein luftiger Glaspalast von Star-Architekt David Chipperfield, wurde komplett von der Krupp-Stiftung finanziert. Der zentrale Saal der Essener Philharmonie heißt nicht ohne Grund Alfred-Krupp-Saal. Es gibt eine Krupp-Schule und ein Krupp-Krankenhaus, das von der Krupp-Stiftung betrieben wird. Die Innenstadt dehnt sich immer mehr in Richtung Nordwesten aus, weil hier die Gussstahlfabrik nach ihrer Schließung Platz für Nachnutzer gemacht hat. In den rauen Industriehallen befinden sich nun ein Musical-Theater und ein Möbelhaus. Und über die zentrale Einkaufsstraße wacht, direkt neben dem Essener Dom, ein Denkmal von Alfred Krupp. Silke Lenz, Sprecherin der Stadt Essen, drückt die Bedeutung des Unternehmens für die Stadt so aus: „Mit kaum einem anderen Namen ist die Stadt Essen so verbunden wie mit dem Namen Krupp. Name und Unternehmung stehen als Symbol für die Industrialisierung Essens.“

Dass das Unternehmen nicht nur an seine glorreiche Vergangenheit, sondern auch an eine glorreiche Zukunft glaubt, daran soll wohl die 2010 errichtete neue Konzernzentrale erinnern. Mitten auf dem Krupp-Gelände steht der massive Stahl-Kubus, wie ein Ufo vor den Toren des Stadtzentrums. Am Samstagnachmittag ist das Gelände menschenleer, nur ein junges Paar sitzt knutschend auf einer Bank. Auf einer Wiese am Rand des Geländes befindet sich das Stammhaus Krupp. Nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde es 1961 zum 150-jährigen Firmenjubiläum wiederaufgebaut. Von dem kleinen Fachwerkhaus hat man einen schönen Blick auf die neue Konzernzentrale.

Die kommenden Monate entscheiden

Dort wird in den kommenden Wochen und Monaten darum gerungen, wie es mit dem Großkonzern weitergeht. Finanzinvestoren pochen weiter auf die Zerschlagung. Über 200 Jahre Krupp-Tradition in Essen spielen für sie dabei keine Rolle. Übergangs-Konzernchef Guido Kerkhoff hält bislang dagegen. Zwar müsse der Konzern die Forderung nach einer Wertsteigerung erfüllen. „Wichtig ist uns dabei aber der nachhaltige Erfolg. Dafür brauchen wir immer eine gute Balance, die die Interessen von Kunden, Mitarbeitern und Aktionären ausgewogen berücksichtigt“, sagte Kerkhoff in einer Video-Botschaft an seine Mitarbeiter. „Kurzfristige Renditemaximierung auf Kosten der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens ist nicht unser Ziel.“

In Essen bangen trotzdem viele. Das Schicksal des Konzerns war immer eng mit dem Schicksal Essens verbunden. Er hat aus einem landwirtschaftlich geprägten Örtchen eine Stadt gemacht. Ob der nächste Wandel zum hochspezialisierten Technikstandort gelingt, steht noch in den Sternen. Ohne Krupp ist er jedenfalls schwer vorstellbar.

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