Die Wehrkirche, "Herzstück" von Weissach im Kreis Böblingen, nimmt sich trotz ihres 22,4 Meter hohen Turms im Vergleich zu den grauen Gebäudekomplexen von Porsche geradezu niedlich aus. Am Ortsrand hat der Autobauer jetzt sein Forschungs- und Entwicklungszentrum über die Kreisgrenze hinaus erweitert. 150 Mio. EUR kosteten das Designstudio, der imposante Windkanal und das Elektronik-Integrations-Zentrum. "Weissach steht mehr denn je für höchste deutsche Ingenieurskunst und für puren schwäbischen Erfindergeist", sagte Matthias Müller, Vorstandvorsitzender der Porsche AG, gestern bei der Einweihung.

Mit den Neubauten will sich der Sportwagenbauer einen Wettbewerbsvorsprung sichern. Es geht um Aerodynamik, um niedrigen Kraftstoffverbrauch und "Intelligent Performance". Ein weiterer Grund für die Vergrößerung ist der Ausbau der Elektro- und Hybridtechnologie. Nicht nur eigene Fahrzeuge werden in Weissach optimiert, Porsche erledigt auch Aufträge anderer Hersteller. Deshalb entstanden spezielle Eingänge für diskrete Kundenwünsche.

Die geografische Bezeichnung für diesen High-Tech-Standort lässt dessen globale Bedeutung für die Automobilindustrie nicht erkennen: Heckengäu - das erinnert eher an Hinterwald. Tatsächlich war hier vor der Ansiedlung Porsches wenig außer Hecken und steinigem Grund. Der Boden war so schlecht, dass die Landwirte zwar viel Arbeit, aber nur geringe Ernten hatten, weshalb sie auf die Bestellung etlicher Felder lieber ganz verzichteten. Als die Firma 1960 ein Areal für eine Teststrecke suchte, empfahl ein Mitarbeiter aus Weissach, der Rennfahrer Herbert Linge, das Brachland.

Im Rathaus stießen die Abgesandten aus dem 25 Kilometer entfernten Zuffenhausen auf keine Bedenken oder gar auf Widerstand. 38 Hektar wurden benötigt, verteilt auf 200 Parzellen. Der Bürgermeister benötigte gerade mal zehn Tage, um die Verträge mit den Besitzern abzuschließen. Am 16. Oktober 1961 wurden die ersten Spaten in den Boden gestochen. Die "Fahrversuchsstation" war ein Jahr später fertig.

Weissach war für Porsche eine gute Wahl, bald wurden weitere Abteilungen nachgeholt. 1971 wurde das Entwicklungszentrum Weissach (EZW) eingeweiht. Das Betriebsgelände hat sich auf 68 Hektar ausgedehnt. "Ohne die Ausbaumöglichkeiten in dieser schönen Umgebung hätte es Porsche nicht so weit gebracht", betonte Müller. In Weissach werden alle Sportwagen entwickelt. Die Abgeschiedenheit erleichtert die Geheimniskrämerei.

Die Gemeinde erlebte einen rasanten Wandel vom Bauernnest zur Tüftler-Hochburg. Oder, wie es Bürgermeisterin Ursula Kreutel formulierte, "zu einer Gemeinde mit einer einmaligen Infrastruktur an kulturellen Angeboten und Bildungseinrichtungen". Durch das EZW sei es Weissach ermöglicht worden, "eine Vielzahl von Förderprogrammen für Kinder und Familien aber auch zur Unterstützung von energetischen und städtebaulichen Sanierungsmaßnahmen aufzulegen", sagte Ursula Kreutel der SÜDWEST PRESSE. Letztes gemeinsames Projekt ist eine Kindertagesstätte im Gewerbegebiet, Kosten 3,7 Mio. EUR, benannt nach Ferry Porsche. Die Schule trägt bereits den Namen von Ferdinand Porsche.

Als Porsche den ersten Späher ins Heckengäu schickte, lebten in dem Dorf 1200 Menschen, heute sind es 7500. Die Autoentwickler brauchen derart viel Verstärkung, dass jetzt über 6000 Namen auf der Gehaltsliste stehen, weitere werden folgen. Die Kommunalkasse profitiert von Porsches Denkfabrik auf rekordverdächtige Weise: Die Gewerbesteuer sei pro Kopf so hoch wie nirgendwo sonst, verkündet die Bürgermeisterin gerne. Es sollen 29 000 EUR sein.

Dennoch bekommt Porsche in Weissach auch Kritik zu hören. Vor allem der Verkehr - die An- und Abfahrt der EZW-Leute - wird als unerträgliche Belastung empfunden. Eine Umgehungsstraße ist kaum möglich. Das Dorf liegt im Tal, ist umzingelt von Naturschutzgebieten. Dass deshalb ein Tunnel gebaut werden müsste, hält EZW-Chef Wolfgang Hatz für nicht realisierbar. Weil trotz der Dankbarkeit über den Steuersegen nun eben doch Misstöne in die Freudengesänge geraten, besteht reichlich Gesprächsbedarf. Hatz bezeichnete das Verhältnis von Porsche zu Weissach als "generell gut, aber nicht immer ganz glücklich".

Ausbau geht weiter

Investitionen In einem Wasserschutzgebiet lässt Porsche derzeit ein Gebäude für die Antriebsprüfung erstellen. Kosten: 95 Mio. EUR. An 18 Ständen sollen ab 2017 Hybridantriebe ebenso entwickelt werden wie Verbrennungs- und Elektromotoren. Bis Oktober soll ein Parkhaus für die Mitarbeiter fertiggestellt sein. Porsche investiert jährlich etwa 100 Mio. Euro in den Ausbau des Entwicklungszentrums Weissach. hgf

SWP