Berlin / DIETER KELLER  Uhr
Weitgehend heile Welt zeigt die Grüne Woche in Berlin: Von industrieller Landwirtschaft ist da wenig zu sehen, und die Besucher interessieren sich auch nicht viel für das Thema. Doch es bahnt sich ein Wandel an.

"Teilnahme an der Demonstration" vor dem Brandenburger Tor steht für den heutigen Samstag als erstes auf dem Programm des baden-württembergischen Landwirtschaftsministers. "Wir haben es satt - Bauernhöfe statt Agrarindustrie", lautet das Motto. Erst danach fährt Alexander Bonde zum Messegelände unterm Funkturm und besucht Aussteller aus dem Ländle. Bei seiner ersten Grünen Woche setzt der Grüne, seit Mai im Amt, eigene Akzente. "Die Agrarpolitik muss sich den Bedürfnissen aus der Gesellschaft stellen", sieht Bonde die richtigen Fragen und Forderungen bei den 90 Organisationen, die mindestens 10 000 Menschen auf die Straße bekommen wollen.

Vor einem Jahr, bei der ersten Demonstration anlässlich der Grünen Woche, waren es doppelt so viele. Damals sorgte Dioxin im Tierfutter für Aufregung, jetzt sind es Antibiotika bei der Hähnchenmast. "Wir müssen weg von agrarindustriellen Verhältnissen", fordert Rupert Ebner von Slowfood für die Demo-Veranstalter. Nach der Atomwende hoffen sie jetzt auf die Agrarwende.

In Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) finden sie keine Verbündete. "Die schlagen die Schlachten von gestern", meinte sie zum Messeauftakt. Die Subventionen, gegen die demonstriert werde, seien längst abgeschafft. "Die Landwirtschaft hat sich stark verändert zugunsten von Verbrauchern, Tieren und Umwelt."

Ganze zehn Hühner sind in der großen Tierhalle unterm Funkturm zu finden. Für mehr wären die Messe purer Stress. Das deutsche Sperberhuhn ist die "gefährdete Nutztierrasse 2012". Die braun-weißen Hennen, die sich mit einen Hahn recht viel Platz teilen, legen 180 Eier pro Jahr, weist ein Schild aus. Ein paar Dutzend Küken, geschlüpft am 9. Januar, wuseln in einem Extrakäfig herum. "Am 1. Februar kannst Du sie schon in die Pfanne hauen", meint ein älterer Besucher. So schnell geht es zwar nicht. Aber normalerweise dauert die Mast nur 30 bis 35 Tage - in Ställen von der Größe der Messehalle.

Besser wären 40 bis 60 Tage, aber auch teurer, meint Caspar von der Crone, Geschäftsführer des Vereins Kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT). In ihm sind Eiervermarkter organisiert, die nicht nur die deutsche Hennenhaltungsverordnung einhalten, sondern auch auf Tierschutz achten. Konkret heißt das: Die Eier stammen nicht aus "Kleingruppen", also Großkäfigen, die nach dem Verbot der Käfighaltung 2010 noch erlaubt sind. Auch Eier aus solcher Produktion sind im Handel so gut wie nicht mehr zu finden, obwohl sie noch verkauft werden dürfen. Das zeigt die Macht der Verbraucher, die einfach keine Käfigeier mehr kaufen, selbst wenn sie etwas billiger sind.

Das Beispiel macht den Vertretern der bäuerlichen Landwirtschaft Mut. "Kapital oder Straße" spitzt der Chef der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf, den Konflikt zu. "Wir setzen auf die Straße." Wobei er die Masse der Verbraucher erst noch überzeugen muss, für das Hähnchen im Supermarkt ein paar Groschen mehr zu bezahlen. Ministerin Aigner denkt über ein "Tierwohl-Siegel" nach, das bessere Standards für Aufzucht, Mast, Transport und Schlachtung garantieren soll als gesetzlich vorgeschrieben. Ob sie das EU-weit durchsetzen kann, ist offen.

Die großen Konzerne stellen sich auf ein Umdenken der Verbraucher schon mal ein. Das zeigt McDonalds: Der Hamburger-Riese verteilt auf dem "Erlebnisbauernhof", der in Halle 3 ein Stück heile Bauern-Welt zeigt, nicht nur Gratis-Rindfleischproben und demonstriert so, wie die Milchkühe enden, die gegenüber im Musterstall vom Melkroboter gemolken werden und sich dabei scheinbar sehr wohl fühlen. McDonalds ist auch dabei, "Flagship Farms" aufzubauen. Die Musterbauernhöfe sollen zeigen, wie moderne Landwirtschaft aussehen kann. Der erste in Bayrischzell hält nur 80 Tiere und produziert das meiste Grünfutter selbst. Von wegen Massenproduktion.

Ziemlich kümmerlich ist dagegen die Halle der Ernährungsindustrie ausgefallen, die sich immerhin eines Umsatzes von 162 Mrd. EUR rühmt. Da wirbt Nestlé für seine "Markenwelten". Pizzabäcker Freiberger verkauft Pizzastücke zugunsten der Unesco, und Kindergartenkinder erfahren, dass Kakaobohnen erst einmal gar nicht so schmecken. Dazwischen findet sich die Welthungerhilfe, gesponsert von Ferrero, und Bioland versucht Kindern zu erklären, was Fruchtfolge und Kreislaufwirtschaft ist. "Hier kann man die Leute erreichen", ist das Motto.