Frostschäden Frostschäden: Schwarze Kerne und braune Triebe

Hans Georg Frank und Petra Walheim 02.05.2017
Quer durch Baden-Württemberg klagen Obst- und Weinbauern über massive Ernteausfälle. Agrarminister Peter Hauk  sagt Hilfen zu.

Der Familienname passt nicht zur dramatischen Situation von Tanja und Uwe Freudensprung. Den Obstbauern aus Dielheim (Rhein-Neckar-Kreis) ist zum Heulen zumute, weil der Frost auch ihren Hof schwer heimgesucht hat. „Schlimm sieht es aus“, sagt die 32-Jährige, „da kommen einem die Tränen.“ Die fünf Hektar Erdbeeren konnten sie retten, weil die Felder mit Vlies und Folie gerade noch rechtzeitig doppelt geschützt worden waren. Bei den Birnen und den 20 Sorten Äpfeln müssen mindestens 60 Prozent abgeschrieben werden. Je nach Lage und Sorte meldet Uwe Freudensprung (37) „Totalausfall“. Ein Schutz durch Eispanzer war nicht möglich, weil es keine Beregnungsanlage gibt.

Dabei schien alles perfekt. Die Entwicklung der Bäume war in der klimatisch begünstigten Region weit vorangeschritten. „Der Behang sah gut aus“, erinnert sich die Obstbäuerin. Wegen des Vegetationsvorsprungs beliefern Freudensprungs sogar das Alte Land bei Hamburg, eines der größten Apfelareale der Republik. Auch dank dieses lukrativen Marktes konnte das junge Paar zuletzt 500.000 Euro investieren in eine urige Holzhütte als „Kaffeestadl“, in weitere Hofläden. 20 feste Arbeitsplätze bietet der 1970 ausgesiedelte Obsthof, hinzu kommen bis zu 100 Saisonkräfte.

„Die Rhein-Neckar-Region ist üblicherweise nicht so frostgefährdet“, sagt Agrarminister Peter Hauk (CDU). Der Schaden sei deshalb so groß, weil sich die Vegetation schon gut entwickelt hatte. Bei Freudensprungs schaut sich Hauk in der Plantage um. Die Birnen lassen auf den ersten Blick eine üppige Ernte erwarten. Doch wenn die Frucht aufgebrochen ist, zeugt der schwarze Kern von der Wucht des Frosts.

Von „Totalausfall bei Stachelbeeren, Himbeeren, Brombeeren“ berichtet Franz Josef Müller, Präsident des Landesverbands der 3800 Erwerbsobstbauern. Mit seinem 20-Hektar-Hof in Oberkirch (Ortenaukreis) gehört er zu den Betroffenen. Von allen Kulturen erreichen ihn Schreckensnachrichten, von den Heidelbeeren und den Walnüssen, von Aprikosen und Zwetschgen. Verluste ließen sich bei Beeren und auch bei Kirschen stark verringern durch den „geschützten Anbau“, erklärt Müller. Damit sind Tunnel gemeint, Konstruktionen aus Metallbögen und Kunststofffolie: „Aber für einen Hektar muss man 100.000 Euro ausgeben.“

Der Minister hat mit der Landwirtschaftlichen Rentenbank ein Hilfsprogramm ausgehandelt. Zinsgünstige, langfristige Darlehen sollen Liquiditätsengpässe überbrücken. „Damit keiner über die Wupper geht“, sagt Hauk.

Im Süden des Landes ist die Situation nicht besser. Im Markgräflerland, das für seine guten Weine bekannt ist, herrscht Katastrophen-Stimmung. „Die meisten Winzer hier müssen mit einem Ausfall von 80 bis 100 Prozent rechnen“, sagt Weinbauer Ulli Waldkirch. In seinem Weinberg wächst Gutedel. „Den hat’s voll erwischt.“ Auch die Kirschen, die bei den Haupterwerbs-Landwirten Ulli und Toni Waldkirch die Hauptkultur sind, sind hinüber. Zum Termin mit Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch hat der Großvater der Familie, Walter Stiefvatter, einen Ast von einem Kirschbaum mitgebracht. Der hängt über und über voll mit kleinen grünen Kirsch-Ansätzen, die gesund aussehen. Doch auch da sind die Kerne schwarz. „Der Baum wird in den nächsten Wochen alle Früchte abwerfen“, sagt er. Er rechnet mit einen Ernteausfall von 80 bis 100 Prozent.

Im Weinberg zeigt sich der Schaden am Rebstock. Weinbauberater Hansjörg Stücklin schneidet an einem Stock ein „Beiauge“ an. Wäre es gesund, wäre der Anschnitt grün. Doch er ist braun. „Daran sieht man, dass der Trieb erfroren ist“, sagt Stücklin. Der Rebstock sei deshalb nicht kaputt, betont Ulli Waldkirch. Er werde neu austreiben, aber wenig bis keine Früchte tragen. „Im Sommer und Herbst werden die Leute dicht belaubte Rebstöcke sehen und sich wundern“, sagt der Winzer. Aber es seien Rebstöcke ohne Trauben. Trotzdem bleibe die Arbeit im Weinberg die gleiche. „Damit wir im nächsten Jahr wieder eine gute Ernte haben.“

Beim Obst haben die Landwirte den Schaden sofort. „Wir wollten demnächst die ersten Kirschen verkaufen“, sagt Walter Stiefvatter. Bei den Winzern schlägt der Frostschaden „erst“ im nächsten Jahr zu Buche. In diesem Jahr können sie den Wein von 2016 verkaufen. Für 2018 sieht es schlecht aus. „Da müssen wir an den Preisen drehen“, kündigt Ulli Waldkirch an. Seine Bitte an Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch: „Am meisten wäre uns geholfen, wenn der Markt begrenzt und geschützt würde.“ Das sei wegen der freien Marktwirtschaft nicht möglich, sagte sie. Ein kleiner Trost könnte sein, dass sich die Frostschäden quer durch Mitteleuropa ziehen, bis nach Polen, einem der Hauptkonkurrenten.

Hilfe für frostgeschädigte Landwirte

Die Höhe der Frostschäden sei im Vergleich zum Frostjahr 2011 um drei- bis viermal höher, schätzt Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch. Kurzfristige Hilfen für die Landwirte könnten unter anderem zum Beispiel Steuererleichterungen sein. Dazu zählen die Anpassung der Vorauszahlungen und Vollstreckungsaufschub. Außerdem gibt es die Möglichkeit finanzieller Ad-hoc-Hilfen, wenn die Schadensschwelle von 30 Prozent überschritten ist.  2011 wurden Ad-hoc-Hilfen von 7 Millionen Euro gewährt.

Die Staatssekretärin empfiehlt den Abgeordneten des Bundestags aus der Region, ein Papier zu entwerfen, in dem  die Einführung der steuerfreien Risikoausgleichsrücklage gefordert wird. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, sagt Gurr-Hirsch. wal

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