Frankfurt Reparieren statt produzieren

SWP 10.07.2012
Rohstoffe schrumpfen, während die Wirtschaft immer weiter wächst. Erste Unternehmen machen da nicht mehr mit. Sie wollen nicht mehr produzieren, nicht mehr verdienen - sondern in eine bessere Welt passen.

Reinhard Mammerle stellt Schuhe her, die erst nach vielen Jahren kaputt gehen. Beim Kauf wird allen Kunden geraten, die Schuhe in die Reparatur zu geben, entweder beim Hersteller oder beim Vertragspartner. Denn die österreichischen "Waldviertler" wollen nicht so viele Schuhe wie möglich verkaufen. "Unser Umsatz muss nicht wachsen, das ist nicht Unternehmensziel", sagt Mitarbeiter Mammerle. "Es sollen keine Rohstoffe für neue Schuhe vergeudet werden, wenn die alten wiederhergestellt werden können."

Die Einstellung entspricht dem Zeitgeist. Soziologen sehen Konsumenten, die einen Ressourcen schonenden Lebensstil pflegen, im Trend. Unternehmen aber, die nicht wachsen wollen, sind noch Exoten. Kredite abbezahlen, kein Personal entlassen, auch wenn neue Technologien es ersetzt - ohne Wachstum scheint das schwer.

Wie das für Unternehmer funktionieren kann, zeigt Susanne Henkel. Die Geschäftsführerin der Richard Henkel GmbH im schwäbischen Forchtenberg ist erleichtert, dass ihr Umsatz 2012 klein bleibt. "Er war im Jahr davor viel zu hoch", sagt sie. "Wir haben immer neue Kunden bekommen." Henkel will aber nicht mehr, Stabilität reicht ihr: Sie hat 50 Mitarbeiter, "genau wie mein Opa das schon hatte". Sie will nicht mehr produzieren, sondern "wertiger werden".

Kerngeschäft sind Stahlrohrmöbel, Liegen für Gärten und Schwimmbäder. "Die Stahlteile an den Möbeln sind quasi unzerstörbar", sagt Henkel. Nur der Stoff verschleißt irgendwann. Dann repariert Henkel die Stühle. "Warum sollten wir den Leuten neue Stühle andrehen? Stahlproduktion verbraucht Rohstoffe und Energie, die wollen wir sparen", sagt sie.

Normal ist das nicht, das merkt sie an ihren Kunden. "Die fragen ganz schüchtern nach Ersatzteilen - und staunen, dass wir nur fragen: welche Farbe denn?", sagt die 59-Jährige. Ihre Produktion wächst so nicht, der Umsatz bleibt stabil. "Dafür machen wir uns umweltfreundlicher", sagt Henkel - zum Beispiel durch einen Lagerraum, der statt Klimaanlage auf die Bauweise eines Termitenhügels setzt und so die Nachtkühle nutzt.

Reparieren statt produzieren ist auch für den Oldenburger Professors Niko Paech zentral. "Einige Industrien verschwinden so, es werden aber kleine Reparaturbetriebe aus dem Boden sprießen", sagt er. Dass es ohne Wachstum weniger Arbeitsplätze gibt, sieht er nicht als Problem. "Durch den demografischen Wandel gibt es eh bald weniger Arbeiter, und es tut der Gesellschaft gut, wenn alle nur 20 Stunden arbeiten." In der freien Zeit könnten Menschen mehr Austausch organisieren: Autos und Rasenmäher teilen, Gemüse anbauen, Dinge selber reparieren. "Das spart Ressourcen und macht glücklich."

Die Waldviertler sind wider Willen gewachsen. Die Schuhmacher haben ihre Werkstatt vergrößert, Vertriebsstrukturen auch in Deutschland aufgebaut. "Wenn mehr Firmen wie wir arbeiten, werden wir nicht mehr wachsen", sagt Mammerle. "Und das ist gut so."