Ulm Randnotiz: Kalte Welt des Gefühlslesers

Ulm / HELMUT SCHNEIDER 09.01.2016
Na wie gehts?" "Danke, bestens." Das ist nicht die einzige, nur die häufigste der vielen Lügen, der wir uns täglich bedienen, um das komplizierte Zusammenleben ein bisschen zu vereinfachen. Die Digitalisierung wird auch diese Lebenshilfe hinwegfegen.

Digitalisierung ist ja zum Oberbegriff für alles geworden, von dem wir weder wissen, was es ist, noch was es soll. In diesem Fall ist der weltgrößte Konzern Apple gemeint, der jetzt die kleine Klitsche "Emotient" gekauft hat, die Gefühle am Gesichtsausdruck ablesen kann.

Die Wirkung von Werbespots wird der Gefühlsleser ebenso eindeutig identifizieren wie die vor Angst geweiteten Pupillen beim Zahnarzt. Übermüdete Autofahrer werden rechtzeitig alarmiert, bevor es zu spät ist. Ungezählte schöne Anwendungen (neudeutsch Apps) wird uns Emotient bringen.

Gar buchstäblich biblische Züge hat das: Apple wird die Lüge aus der Liste menschlicher Laster verbannen. Der göttliche Auftrag, seit zweitausend Jahren in den Zehn Geboten festgehalten, aber selten befolgt - die Digitalisierung wird ihm zum Durchbruch verhelfen.

Noch ist es nicht so weit, noch dürfen wir an das Wort glauben. Noch ist das Leben voll süßer Illusionen. Genießen wir es. Die Welt des Gefühlslesers wird kalt sein - und kompliziert.