Nour Elagbar hat einen Wunsch. Dass deutsche Arbeitgeber nicht darauf schauen, welche Religion eine Bewerberin hat oder wie sie gekleidet ist. Sondern dass sie darauf achten, wie sie ausgebildet ist und welche Fähigkeiten sie hat. Die Syrerin ist vor fünf Monaten aus Damaskus geflüchtet und nach Deutschland gekommen. Ihr Vorname bedeutet übersetzt „das Licht“. Sie trägt ein Kopftuch, den Hijab. Und muss nun sehen, wie sie damit in Deutschland einen Job findet. Denn das ist ihr großes Ziel, dafür lernt sie gerade Deutsch. Und dafür besucht sie die Kurse des WoW-Projekts.

WoW ist die Abkürzung von „With or Without“ (mit oder ohne). Gemeint ist damit, dass Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund  – mit oder ohne Kopftuch – dabei unterstützt werden sollen, sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren.

Lara-Zuzan Golesorkhi ist der Kopf des ganzen Projekts. Sie selbst trägt kein Kopftuch, fällt aber in die Kategorie „Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund“, wie sie es ausdrückt. Ihr Vater ist Iraner, die Mutter Deutsche. In Stuttgart geboren, fragte sie sich früh, warum Musliminnen, besonders wenn sie ein Kopftuch tragen, es bei der Jobsuche schwerer haben. Der Ludin-Fall, besser bekannt unter dem Stichwort Kopftuchstreit, also die Frage, ob eine Lehrerin mit Kopftuch unterrichten darf, hat sie im Gymnasium in Stuttgart erlebt. „Ich fragte mich schon dann: Wo ist das Problem – mit oder ohne Kopftuch, ist doch egal. Hauptsache eine gute Lehrerin. Leider sahen es schon damals nicht viele wie ich.“ Golesorkhi ließ es nicht auf diesem Eindruck beruhen. Sie beschäftigte sich bald näher mit dem Phänomen. Sie studierte in den USA Soziologie und Psychologie, setzte ihr Studium mit einen Master in Internationalen Beziehungen fort. Das „gab mir die Möglichkeit, meine anfänglichen Gefühle der Ungerechtigkeit durch weiteres Lernen und dann durch intensive Forschung in meiner Masterarbeit auf wissenschaftlicher Basis zu erweitern“, sagt sie.

Bei wissenschaftlichen Ausführungen beließ sie es aber nicht. Sie bezeichnet sich als Menschenrechtsaktivistin. Deshalb wurde sie auch aktiv – in ihrer Heimatstadt Stuttgart. Dort gründete sie WoW und stellte den Versuch, muslimischen Frauen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern, auf drei Säulen, die den Beteiligten an diesem Prozess entsprechen. Für die muslimischen Frauen bietet das Projekt  das „Job Ready Programm“ – eine Seminar- und Workshop-Reihe, die die Frauen auf den Arbeitsmarkt vorbereiten soll.

Auch Arbeitgeber will sie gezielt ansprechen. Die dritte Säule betrifft die Gesellschaft, die mit Information und Aktionen dazu bewegt werden soll, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Es war mir in der Entwicklung des Projekts sehr wichtig, dass die Integration auf mehreren Eben verläuft und dass eben nicht nur ein Akteur angesprochen wird“, sagt Golesorkhi.

Doch weshalb braucht es so eine Initiative überhaupt? Werden muslimische Frauen im Arbeitsmarkt diskriminiert? Auch wenn es schwierig sei, die Gründe genau zu benennen, die Mehrfachdiskriminierung Frau, Migrationshintergrund und Kopftuch sei hierbei entscheidend.

Sie hat auch Zahlen parat. So liege die allgemeine Erwerbstätigkeit bei Frauen ohne Kopftuch deutlich höher (ungefähr 20 Prozent) als die mit Kopftuch. Allerdings schließen laut Golesorkhi mehr Frauen mit Kopftuch eine Ausbildung ab als Frauen ohne. Dann allerdings gelinge ihnen der nächste Schritt in die Berufswelt häufig nicht.

Das will Golesorkhi ändern. Und viele mit ihr. Das Projekt verzeichnet steigende Teilnehmerinnen-Zahlen und es wurde „herzlich in Stuttgart von den vielen Akteuren im Bereich Wirtschaft, Immigration und Integration aufgenommen und unterstützt“, sagt sie. Sie ist optimistisch, dass es über dieses Jahr hinaus fortgeführt wird.

Nour Elagbar aus Damaskus jedenfalls bezeichnet Stuttgart schon als „unsere Stadt“ und ist überzeugt, dass es dort nicht so schwierig für sie sein wird, einen Job zu finden. Vorurteile gegenüber Frauen mit Kopftuch allerdings bemerkt sie schon und wundert sich, dass sie so wenig davon in verschiedenen Berufen sieht.

„Ich habe auch schon Menschen getroffen, die Frauen mit Kopftuch nicht akzeptieren und als erstes wollen, dass man es abnimmt“, erzählt sie. Sie hofft, dass es ihr bei der Jobsuche nicht so ergehen wird. Sie hat ein Diplom als Übersetzerin in Arabisch, Englisch und Französisch – und will als Dolmetscherin arbeiten.

  

Kommentar von Caroline Strang: Arbeitssuche schwer gemacht

Wenn in einem Supermarkt irgendwo im Land eine junge Frau mit Kopftuch an der Kasse sitzt, fällt das auf. Immer noch. Die meisten Menschen dürften begrüßen, dass die Kassiererin einen Job hat, dass sie ihn gut macht und freundlich ist.

Aber warum nur bemerken wir das überhaupt noch, schließlich leben auch in unserer unmittelbaren Umgebung genug Musliminnen, die Kopftuch tragen. Bei einer Putzfrau mit bedecktem Haar wundert sich niemand. Bei einer Managerin schon. Wobei: Kennen Sie eine?

Schon allein diese Gedanken zeigen, dass es Musliminnen, besonders wenn sie Kopftuch tragen, immer noch schwer haben auf dem Arbeitsmarkt. Mit dieser Einschätzung soll nicht die Diskussion eröffnet werden, ob ein Zeichen des Glaubens in bestimmten Jobs und Ämtern angebracht ist. Fakt ist: Viele Musliminnen tragen Kopftuch, sind gut ausgebildet, hier geboren oder leben schon lange hier – und werden benachteiligt. Das betrifft übrigens auch Menschen, die einfach nur ausländisch klingende Namen haben. Kein Wunder, dass viele Experten anonymisierte Bewerbungsunterlagen begrüßen würden.

Was jedenfalls punktuell hilft, sind Initiativen wie WoW, die Musliminnen  auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, sowie Arbeitgeber und Gesellschaft sensibilisieren. Wir brauchen mehr davon.

Von der Uno gefördert

Für Vielfalt Das Projekt „WoW – With or Without“ wird von der UNHATE-Stiftung unterstützt, einer vom Modelabel Benetton ins Leben gerufenen Stiftung, die eine neue Kultur gegen Hass unterstützen will. Das WoW-Projekt wurde als eines der zehn Gewinner des globalen „Diversity Contest“ (Wettbewerb, der Vielfalt fördern soll) der UNHATE-Stiftung und dem United Nations Academic Impact gewählt.

Der internationale Wettbewerb lud junge Erwachsene, Studenten oder junge Mitarbeiter einer Universität  im Alter von 18 bis 30 Jahren, ein, ihren eigenen Vorschlag zur Beendigung jeglicher Form von Intoleranz zu entwerfen. WoW läuft als Pilotprojekt in diesem Jahr in Stuttgart. Inzwischen existiert auch ein WoW-Verein, der die Fortführung über 2016 hinaus ermöglichen soll.