Berlin Preisstopp für Medikamente

Die Pharmaindustrie bringt immer neue Arzneien auf den Markt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will horrende Preise verhindern.
Die Pharmaindustrie bringt immer neue Arzneien auf den Markt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will horrende Preise verhindern. © Foto: dpa
Berlin / DIETER KELLER 13.04.2016
Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will Mondpreise für neue Medikamente ausbremsen. Trotzdem soll Deutschland für die Pharmaindustrie ein attraktiver Forschungsstandort bleiben.

Lange gab es kaum ein Mittel gegen Hepatitis C, an der in Deutschland im Jahr etwa 5000 Menschen neu erkranken. Im Herbst 2014 brachte der US-Hersteller Gilead Sciences Sovaldi in Europa auf den Markt. Der stolze Preis: 700 EUR für eine einzige Filmtablette. Drei Monate Behandlung eines Patienten kosteten damit etwa 60.000 EUR. Die Folge: Allein für Hepatitis-C-Mittel mussten die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) 2015 rund 1,3 Mrd. EUR ausgeben.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) steckt in der Zwickmühle: Einerseits will er am Prinzip festhalten, dass Kassenpatienten jedes Medikament bekommen, das einen Zusatznutzen bietet. Andererseits muss er die explodierenden Ausgaben der Kassen für Arzneimittel im Zaum halten. Sie stiegen allein im vergangenen Jahr um 4,6 Prozent auf 37 Mrd. EUR.

Dazu wurde 2011 ein neues Verfahren eingeführt: Die Hersteller dürfen für neue Medikamente nur im ersten Jahr den Preis frei festlegen. Danach müssen sie den Zusatznutzen gegenüber bestehenden Medikamenten nachweisen und auf dieser Basis den Preis mit dem Spitzenverband der Krankenkassen aushandeln. Inzwischen ist der Preis von Sovaldi auf 600 EUR gefallen.

Gröhe ist immer noch ein Dorn im Auge, dass einzelne Hersteller innerhalb des ersten Jahres riesige Umsätze machen. Daher hat er sich mit allen Beteiligten geeinigt, eine Umsatzschwelle einzuführen. Wird diese übersprungen, gilt der mit den Kassen ausgehandelte Preis rückwirkend von Anfang an. Der Chef des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Hagen Pfundner, ist erleichtert, dass die Preisbildung im ersten Jahr im Prinzip nicht angetastet wird. Jetzt wird über die Schwelle diskutiert, die im Lauf dieses Jahres per Gesetz festgelegt werden soll.

Im Gespräch sind 500 Mio. EUR Jahresumsatz. Doch Gröhe deutete in Berlin an, dass ihm dies zu hoch wäre; er tendiert zur Hälfte. Der Spitzenverband der Krankenkassen hielte es dagegen für einfacher, konsequenter und besser, die ausgehandelten Preise generell ab dem ersten Tag gelten zu lassen, also ohne Umsatzschwelle.

Die grundsätzliche Übereinkunft ist ein Ergebnis des "Pharmadialogs", mit dem Gröhe die Weichen für eine starke Forschung und Produktion von Arzneimitteln in Deutschland auch in Zukunft sichern will. Mit am Tisch saßen das Bundesforschungs- und das -wirtschaftsministerium, die Pharmaindustrie, Wissenschaftler sowie die Chemie-Gewerkschaft IG BCE.

Die Partner wollen unter anderem eine bessere Versorgung mit Arzneimitteln für Kinder erreichen. Denn häufig bekommen sie Medikamente für Erwachsene in geringerer Dosierung, auch wenn diese eine unterschiedliche Wirkung haben. Daneben ist Gröhe die Entwicklung neuer Antibiotika ein großes Anliegen. Gegen die vorhandenen sind immer mehr Patienten resistent, sie wirken also nicht mehr. Allerdings muss es das Ziel sein, mit den neuen Mitteln wenig Umsatz zu machen, damit sich nicht gleich neue Resistenzen entwickeln.

In Deutschland sind etwa 640 Pharma- und Biotechnologie-Unternehmen registriert, die rund 110.000 Mitarbeiter beschäftigen. 2014 erreichte die Produktion im Inland 30,4 Mrd. EUR. Ein Ziel der Regierung ist es, Existenzgründern bei neuen Produkten und innovativen Geschäftsmodellen unter die Arme zu greifen.