Mobilität VW-Projekt: Per App das Sammeltaxi bestellen

Ein Volkswagen T6 des Mobilitätsunternehmens MOIA fährt vor dem Neuen Rathaus entlang. Bis Ende 2020 soll die Hälfte der Flotte in Hannover elektrisch fahren, bis Ende 2022 alle Kleinbusse.
Ein Volkswagen T6 des Mobilitätsunternehmens MOIA fährt vor dem Neuen Rathaus entlang. Bis Ende 2020 soll die Hälfte der Flotte in Hannover elektrisch fahren, bis Ende 2022 alle Kleinbusse. © Foto: Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Berlin / Dorothee Torebko 31.07.2018
Fahrgäste können per App ein Fahrzeug zu einer virtuellen Haltestelle in ihrer Nähe bestellen.

Eine Welt, in der das eigene Auto immer unnötiger wird: Mit dieser Vision will das Unternehmen Moia den Markt revolutionieren. Die VW-Tochter ist am Montag mit einem Shuttleservice in Hannover in den Regelbetrieb gegangen. In Städten wie Berlin und Stuttgart fahren bereits ähnliche Sammeltaxis, die Kunden per App rufen. Ist der Besitz von Autos ein Konzept von gestern?

Die Genehmigung der Stadt gelte für zunächst 150 Fahrzeuge, im ersten Schritt solle in den nächsten Tagen die Marke von 55 Kleinbussen erreicht werden, teilte das Unternehmen mit. Zunächst sollten rund 15.000 zusätzliche Nutzer zugelassen werden – neben den 3500 Testnutzern des bisherigen Servicetests mit 35 Kleinbussen.

Testphase war erfolgreich

Passagiere fordern diese digital an, warten an einer virtuellen Haltestelle und nutzen das Taxi mit anderen Fahrgästen, die ein ähnliches Ziel haben. 230.000 Mal ist das in der Probephase passiert. „Die Testphase hat gezeigt, dass Ridesharing funktioniert“, sagt Vorstand Robert Henrich.

Für einen Erfolg spricht auch, dass die Politik das Teilen von Fahrzeugen unterstützt. Im Koalitionsvertrag ist verankert, dass das Personenbeförderungsgesetz liberalisiert wird. Seit Monaten betreiben VW und Daimler sowie Clevershuttle und die Deutsche Bahn mit Loki Lobbyarbeit, damit ihre digitalen Sammeltaxis nicht mehr unter das Mietwagengesetz fallen. Das bewirkt, dass die Autos nach einem Auftrag zurück ins Depot müssen. Wird diese Regelung aufgeweicht, könnte das vor allem einen Mobilitätszweig bedrohen: die Taxibranche.

Diese läuft deshalb Sturm gegen VW und Co. „Der Öffentliche Nahverkehr ist eine gesellschaftliche Verpflichtung. Wer Taxi-Dienste anbietet, der muss das auch unter denselben Konditionen tun wie wir“, fordert der Präsident des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbandes BZP Michael Müller. Moia kann Preise und Fahrzeiten selbst bestimmen. Taxis hingegen müssen zu festgelegten Preisen befördern und auch unattraktive Regionen bedienen.

Moia geht nicht auf Konfrontationskurs

Moia verweist darauf, dass sie sich zwischen öffentlichem Nahverkehr und Taxis ansiedeln wollen. Und damit keine Bedrohung für die Branche darstellen. „Wir möchten gemeinsam mit anderen Mobilitätsanbietern die Menschen von einer nachhaltigeren Mobilität ohne eigenes Auto überzeugen und die Anzahl der privat genutzten PKW auf der Straße verringern“, argumentiert Hauptgeschäftsführer Ole Harms.

Dass das passiert, bezweifeln Verkehrsexperten. Digitale Sammeltaxis würden nicht zu weniger Autos auf den Straßen führen, sondern die Verkehrsprobleme eher verschärfen. Das betont Tilman Bacher vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit Mobilität und öffentlichem Nahverkehr. „Die Erfahrungen in den USA zeigen, dass da nur ein, zwei Leute in den Autos sitzen und dass diese nicht vom eigenen Pkw auf das Sammeltaxi umgestiegen sind, sondern vorher die öffentlichen Verkehrsmittel genutzt haben“, sagt der Volkswirt.

Allerdings sieht Bacher auch Chancen. Und die betreffen die Strecken abseits der S-Bahn-Anbindung. „Sammeltaxis können in der Fläche die Versorgungslücke schließen.“ Müller hält dagegen. „Die ländlichen Regionen sind die ersten, die durch Moia und Co. abgehängt werden.“ Der Präsident befürchtet, dass sich das VW-Unternehmen die lukrative Strecken aussucht. „Will die Gesellschaft es riskieren, ein weltweit überdurchschnittliches Versorgungssystem zu gefährden?“

Fällt der Besitz von Autos bald weg? Bacher bezweifelt das. „Unter ein Prozent der Bevölkerung probieren diese digitalen Dienste aus. Es ist eine Illusion zu denken, dass es bald keine privaten Autos mehr gibt“, betont der Berliner. Denn: „Gerade dort, wo es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, liegt das Auto unschlagbar vorne.“

„Nicht die Städte vollstopfen“

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat sich für eine grundlegende Verkehrswende in Deutschland mit weniger Autos in den Städten ausgesprochen. „Diesel-Fahrverbote bieten die Chance, jetzt die kollektiven Verkehre auszubauen und zu stärken. Wir brauchen mehr Busse, Bahnen und Straßenbahnen, bessere Fahrrad-Infrastruktur und Fußwege“, sagte DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. Ein Erfolg der DUH sei, dass es eine „robuste Debatte über die Notwendigkeit einer wirklichen Verkehrswende“ gebe. Anstatt etwa die Städte mit Carsharing-Autos vollzustopfen, müsse umgesteuert werden.

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