Orgelbauer können auf Blei nicht verzichten

Ein Mitarbeiter von "Mittermaier & Söhne" fertigt eine Orgelpfeife. Die Branche hat Sorge, weil die EU den Bleieinsatz massiv einschränken will. Foto: dpa
Ein Mitarbeiter von "Mittermaier & Söhne" fertigt eine Orgelpfeife. Die Branche hat Sorge, weil die EU den Bleieinsatz massiv einschränken will. Foto: dpa
MANUEL DAUBENBERGER, DPA 30.05.2012
Das kunstvolle Traditionshandwerk Orgelbau bangt. Denn eine EU-Richtlinie soll den Bleieinsatz massiv einschränken - zum Schutz der Gesundheit. Für Orgelbauer ist das giftige Metall aber überlebenswichtig.

Sinsheim/Heidelberg - Thomas Mittermeier presst seine Lippen an das kegelförmige Ende der Orgelpfeife und bläst hinein. Ein dumpfer Ton erklingt. Auf diese Weise testet der 47-Jährige jede einzelne Pfeife. Sein 74 Jahre alter Vater Wolfgang Mittermeier steht am Nebentisch und schneidet weiche Platten aus einer Blei-Zinn-Legierung, die später in Form gebogen werden. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sein Vater das kleine Unternehmen im baden-württembergischen Sinsheim gegründet - nun bedroht eine EU-Richtlinie die Zukunft des Familienbetriebs.

Nach der Richtlinie darf in elektronischen Geräten nur noch ein geringer Teil Blei stecken. Da Orgeln oft mit elektronischen Gebläsen betrieben werden, sind auch sie betroffen. Mit 67 Betrieben sitzt mehr als ein Drittel der deutschen Orgelbauer in Baden-Württemberg. Acht davon sind Zuliefererbetriebe wie Pfeifenmanufakturen. Thomas Mittermeier, der seit seinem 16. Lebensjahr Orgelpfeifen baut, versteht die Notwendigkeit der EU-Richtlinie nicht. "Vor einigen Jahren hat die Gemeinde Gesundheits-Checks von mir und den Mitarbeitern gefordert, dabei wurden keine unregelmäßigen Bleiwerte festgestellt", sagt der Familienvater. Giftige Abfälle gebe es ebenfalls nicht. Metallreste, die beim Bau übrig bleiben, werden sortiert, eingeschmolzen und wieder zu neuen Platten gegossen. Mittermeier hat Kunden in der ganzen Welt, selbst nach Hongkong lieferte er schon Orgelpfeifen. Diese werden in Handarbeit für jeden Kunden individuell hergestellt, je nach Zinn-Blei-Verhältnis entsteht ein anderer Klang. "Theoretisch könnte man die Pfeifen auch rein aus Zinn herstellen, aber das kostet zehnmal so viel wie Blei", sagt Mittermeier. Die hohen Rohstoffpreise machen den Herstellern sowieso schon Probleme. Außerdem sorge das Blei für einen weicheren Klang. Dem stimmt auch Orgelbauer Michael Becker zu: "Wenn Sie einer Geige die Saiten nehmen, dann hat man nur noch Feuerholz." So ähnlich sei es mit den Orgelpfeifen.

Becker steht inmitten von 1500 Pfeifen im Orgelgehäuse der Sankt-Teresa-Kirche in Heidelberg - etwa neun von zehn Pfeifen dort enthalten das giftige Blei. Die Pfeifen sind zu Registern zusammengefasst. Je nachdem, welches Register der Organist zieht, erklingen andere Töne. Die größten Pfeifen sind mehrere Meter lang, die kleinste gerade einmal zweieinhalb Zentimeter. Wie jede Orgel ist auch diese ein Einzelstück, weshalb selbst das vergleichsweise kleine Exemplar 400 000 EUR gekostet hat. Da sich viele Kirchengemeinden wegen des Mitgliederschwundes eine solche Investition nicht mehr leisten können, ist das Traditionshandwerk stark bedroht.

Wenn wegen der neuen Richtlinie keine Orgeln mehr gebaut werden können, dürfte es noch schlimmer werden, sagt Becker: "Nur vom Stimmen und Warten allein können wir nicht leben." Eine Möglichkeit sei, wieder auf elektronische Bauteile zu verzichten. Beim Sinsheimer Orgelpfeifenhersteller ist sich Seniorchef sicher, dass es nicht zum Bleiverbot für Orgelpfeifen kommt: "Der Orgelbauverband wird sich schon wehren."

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nils Schmid (SPD) hat bereits seine Unterstützung im Kampf für eine Ausnahmeregelung zugesagt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel