VDA Nicht nur Dieselskandal verunsichert Autobauer

Berlin / Dieter Keller 04.07.2018

Wir haben massiv an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren“, gibt sich Bernhard Mattes zerknirscht. Seit 1. März ist der frühere Chef von Ford Deutschland Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA) als Nachfolger von Matthias Wissmann. Seither hält ihn der Diesel-Skandal in Atem – von Fahrzeugrückrufen über drohende Dieselfahrverbote in Innenstädten bis zu Audi-Chef Rupert Stadler, der in Untersuchungshaft sitzt.

Dieser Fall mache ihn betroffen, sagte Mattes in Berlin und verwies auf die Unschuldsvermutung. „Wir arbeiten daran, neues Vertrauen zu gewinnen und unsere Glaubwürdigkeit wieder zu stärken“. Doch er weiß, dass das Zeit braucht. Alles, was nicht rechtens ist, sei nicht akzeptabel.

An den Zulassungszahlen sind die Folgen des Dieselskandals deutlich abzulesen: Zwar stiegen die Neuzulassungen in Deutschland im ersten Halbjahr insgesamt um 3 Prozent auf 1,84 Mio. Pkw. Aber der Dieselanteil sank auf knapp ein Drittel. Zu „normalen Zeiten“ hatte noch jeder zweite Neuwagen diesen Antrieb. „Dem Klimaschutz bringt das nichts“, bedauert Mattes diese Entwicklung. Denn Benziner, die dafür häufiger verkauft werden, haben einen höheren CO2-Ausstoß. Der moderne Diesel sei notwendig, um die Klimaschutzziele im Verkehr zu erreichen.

„Wenn es gelingt, Fahrverbote zu vermeiden, wird die Verunsicherung weichen“, macht sich der VDA-Präsident Hoffnungen. Ziel sei, dass möglichst wenige Städte betroffen sind. Zumindest in Stuttgart wird es wohl nicht zu vermeiden sein. Der Verband sei mit dem Land und der Stadt in intensivem Kontakt, um gute Pläne zu entwickeln.

Jede Menge Sorgen

Derzeit hat die Branche auch noch viele andere Sorgen. Die neuen Abgastest-Regeln wurden von der EU so kurzfristig bekanntgegeben, dass die Hersteller es nicht schaffen, bis zum 1. September alle Motoren neu zu testen. Daher haben sie große Parkplätze angemietet, um produzierte Autos abzustellen, etwa auf dem Berliner Pannenflughafen BER. Daimler musste unter anderem aus diesem Grund seine Aktionäre warnen, dass der Gewinn in diesem Jahr niedriger ausfällt als erhofft.

Für eine „extreme Herausforderung“ hält Mattes die neuen Abgasgrenzwerte, die von der EU-Kommission ab 2025 geplant werden. „Wir brauchen machbare Ziele“, forderte er. Die Politik dürfe die Unternehmen nicht überfordern, „sonst ist die industrielle Basis in Europa gefährdet“.

Wenn überhaupt seien die Ziele nur mit einem hohen Anteil an Elektroautos zu erreichen. Aktuell liegt der erst bei 2 Prozent. Mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Industrie und Politik hält er bis 2025 in Europa 15 Prozent für erreichbar. In Deutschland spricht er sich dafür aus, die Kaufprämie für Elektroautos von 4000 € über 2019 hinaus zu verlängern. Dies diskutiert derzeit auch die Politik, weil erst 66 000 Förderanträge gestellt wurden. Das Geld reicht aber für mehr als 300 000 Elektroautos. Auch die SPD ist für eine längere Förderung.

Große Sorgen macht dem VDA daneben der zunehmende Protektionismus. Mit Blick auf Präsident Donald Trump erinnert er daran, dass die Hälfte der 800 000 Pkw, die deutsche Autohersteller in den USA bauen, exportiert werden. Der Verband will keine einseitigen Zugeständnisse an die USA, sondern Vereinbarungen der EU auf Basis des Welthandelsabkommens WTO. Klar ist für ihn aber auch: Sollte Trump einseitig die Einfuhrzölle für europäische Autos erhöhen, muss es eine Gegenreaktion geben, also höhere EU-Zölle für US-Autos.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel