Stuttgart/Obersontheim Nicht immer nur Fachkräfte

HELMUT SCHNEIDER 16.08.2012
Firmen suchen offiziell immer nur so genannte Fachkräfte. Dabei sind relativ einfach Jobs auch heutzutage unentbehrlich. Unternehmen bemühen sich, auch für Un- oder Angelernten attraktiv zu sein.

In der ganzen Region herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Das stellt auch ein so bekanntes Unternehmen wie Kärcher, das dort in Obersontheim/Bühlertal eben erst 50 Mio. EUR in sein Produktionswerk und Logistikzentrum investiert hat, vor neue Aufgaben: Woher und wie bekomme ich die nötigen Arbeitskräfte? Es ist eine Herausforderung, die allem Anschein nach auch auf die Volkswirtschaft Deutschland in einigen Jahren zukommen wird.

Rüdiger Bechstein, Personalchef im Gesamtunternehmen und sein Kollege für die beiden Werke im Oberen Bühlertal, Walter Kledig, stellen einen ganzen Strauß von Maßnahmen vor, die nur diesem Zweck dienen sollen: die Firma als Arbeitgeber attraktiv für die Arbeitnehmer zu machen.

Kärcher steht hier nur als Beispiel für einen sich offenbar verstärkenden Trend. Er läuft in der wirtschaftspolitischen Diskussion unter dem Schlagwort "Fachkräftemangel", geht aber in den Firmen darüber hinaus. Betriebe benötigen schließlich nicht nur hochqualifiziertes Fachpersonal, sondern auch Mitarbeiter für vergleichsweise einfache Arbeiten.

So stellte die Arbeitsagentur Stuttgart unlängst das Projekt Quali-Lift vor, für das allein in der Region Stuttgart 10 Mio. EUR zur Verfügung stehen. Mit dem Geld werden An- und Ungelernte in kleinen und mittleren Unternehmen sowie Arbeitslose ohne Berufsschulabschluss ausgebildet, im Hightechbereich ebenso wie in Pflegeberufen. Die Stuttgarter Agenturchefin Petra Cravaack sagt: "Es wäre fatal, das Thema Fachkräftesicherung allein auf die Ebene der Ingenieure zu beschränken."

Kärcher hat eine solche Weiterbildung für 72 Personen gemacht, viele Migranten waren darunter sowie über 50-Jährige, die keine Ausbildung hatten. Fachkraft für Lagerlogistik oder Maschinen- und Anlagenführer lernten sie. Die Firma richtete eigens ein Klassenzimmer ein, in dem ältere Männer wie Schulbuben saßen. Nach sechs Monaten bekamen sie eine Urkunde, für die meisten war es die erste in ihrem Berufleben. Bei der Überreichung hatten "einige Tränen in den Augen", sagt Personalchef Bechstein.

Das Obere Bühlertal ist alles andere als ein industrieller Schwerpunkt, und Kärcher macht Produkte, die 90 Prozent der Deutschen kennen. Dennoch muss sich auch so eine Firma verstärkt anstrengen, als Arbeitgeber der ersten Wahl wahrgenommen zu werden. Die Zeiten, in denen sich bekannte Unternehmen des Ansturms auf ihre Arbeitsplätze kaum erwehren konnten, sind längst vorbei.

Dabei ist das Reservoir an Geringqualifizierten in Deutschland durchaus stattlich. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat festgestellt, dass 7,3 Millionen oder 18 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland keinen Berufsabschluss haben. Vor 30 Jahren war ihr Anteil noch mehr als doppelt so hoch. Aber damals gab es auch noch viel mehr einfache Jobs . Automatisierung und neue Technologien verlangen heute von einem Mitarbeiter mehr als nur die Wiederholung immer gleicher Handgriffe.

Ein Drittel der Geringqualifizierten hat nicht einmal einen Schulabschluss. Laut IW mangelt es vielen der An- und Ungelernten an grundlegenden Fähigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen. Eine Umfrage unter 1100 Unternehmen zeigte aber, dass für die Arbeitgeber die alten Tugenden noch wichtiger sind. Praktisch für alle Firmen sind dies die sechs wichtigsten Voraussetzungen, die ein geringqualifizierter Mitarbeiter mitbringen sollte: Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Leistungsbereitschaft und die Fähigkeit, "situationsangemessen" deutsch sprechen zu können.

Eine Weiterbildung im Betrieb wie im Falle Kärchers ist in Deutschland üblich. Vier von fünf Firmen bieten ihren Mitarbeitern Qualifizierungsmaßnahmen an - im eigenen Interesse. Nachsitzen im Betrieb ist etwas anderes. Soll die Firma nachholen, was in der Schule versäumt wurde? Immerhin jedes dritte Unternehmen ist nach einer Umfrage dazu bereit, allen voran die größeren Industriebetriebe.

In die Suche nach geeignetem Personal schalten sich schon Stadtverwaltungen ein. Bundesweit bekannt wurde die Werbeoffensive ebenfalls aus Hohenlohe: Die Stadt Schwäbisch Hall lud im Januar Journalisten aus den kriselnden Euro-Staaten ein, damit sie zu Hause vom Beschäftigungsparadies in Baden-Württemberg berichten. Die Resonanz war gewaltig, 15 000 Bewerbungen gingen ein, auch wenn ein Großteil davon nur aus einem Klick auf eine Internetadresse bestand.

Bislang haben erst 26 Südeuropäer einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Darunter 20 Portugiesen. Sie hatten sich einfach ins Flugzeug gesetzt und in Schwäbisch Hall persönlich angeklopft. Jetzt arbeiten sie in der Gastronomie als Köchin, Kellner oder Barkeeper oder bedienen Maschinen in Fabriken.