Christian Dahncke hat anstrengende Monate hinter sich. Der Paulaner-Braumeister steht in der modernsten Brauerei Europas. Im gigantischen Lagerkeller reift das Bier fürs Oktoberfest, das zum ersten Mal vom neuen Standort Langwied kommt. „Das Wiesn-Bier ist für uns Brauer immer etwas Besonderes. Entsprechend war es für uns auch ein feierlicher Moment, als wir den ersten Sud Oktoberfest-Bier eingebraut haben“, erzählt Dahnke. „Wir Brauer sind sehr stolz darauf, dass unsere Biere vom neuen Standort genauso gut schmecken wie vom Nockherberg.“

Der Umzug war die bisher größte Veränderung in der Geschichte der traditionsreichen Brauerei. Mehr als 380 Jahre hatte Paulaner am Nockherberg sein Bier gebraut – und war dort an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen. Mittlerweile liegt das 300-Millionen-Euro-Projekt im Münchner Stadtteil Langwied in den allerletzten Zügen.

Die Ausmaße sind gigantisch. Auf 15 Hektar ist eine kleine Stadt entstanden. 13 Gebäude, bis zu 20 Meter hoch mit 83 000 Quadratmetern Nutzfläche. Allein das Lager ist so groß wie vier Fußballfelder. Zeitweise waren bis zu 700 Mitarbeiter von mehr als 70 Firmen im Einsatz, sie verbauten 3000 Betonfertigteile, 4000 Tonnen Edelstahl, darunter 63 Tanks, 25 Kilometer Stahlrohre und mehr als 2 Mio. Fliesen.

Was den Paulaner-Geschäftsführer Stefan Lustig besonders freute: „Wir haben es geschafft, in eineinhalb Jahren aus einem geräumten Maisfeld die modernste Brauerei Europas zu bauen und in Betrieb zu nehmen.“ Vom Baustart im Februar des Jahres 2014 bis zur Inbetriebnahme vor einem Jahr – da war das Bauprojekt noch gar nicht abgeschlossen – sei die Bauphase nahezu reibungslos verlaufen. Einen großen Anteil daran hat die Nething Generalplaner GmbH aus Neu-Ulm, die von Paulaner für das Großprojekt engagiert wurde.

Als Lustig zur ersten Besprechung nach Neu-Ulm kam, hatte er vier Kisten Bier dabei. Doch nicht etwa um Party zu machen. „Wir müssen Produkt, Auftraggeber und dessen Prozesse verstehen, um die Abläufe gut zu gestalten und eine optimale Baulösung zu schaffen“, erläutert Firmenchef Axel Nething. Das Architekturbüro beschäftigt sich  seit Anfang der 80er Jahre mit Generalplanung und trägt damit die Gesamtverantwortung für Planung und Realisierung von Bauprojekten.

„Unsere Fähigkeit ist es, die Anforderungen und die Fachdisziplinen am Bau zu vernetzen“,  sagt Nething-Geschäftsführer Michael Keller. Die Kernkompetenz des Büros sei die Architektur, „für die  Fachdisziplinen suchen wir uns die Experten, die jeweils am geeignetsten sind“, ergänzt Nething.

Nach dem Zuschlag bei Paulaner prüfte sein Team zunächst das so genannte Lastenheft, hinterfragte alle Prozesse der Brauerei und Vorgaben für die Gebäude wie Raumklima, Luftreinheit und welche Belastungen die Böden aushalten müssen.

All die Planungen, Kriterien und Bauteile flossen in ein dreidimensionales Modell ein. „Building Information Modeling“ (BIM) heißt das System. Es stellt die Daten in der Größenordnung von mehreren Terabyte (1024 Gigabyte) in einer virtuellen Wolke allen am Projekt Beteiligten zur Verfügung. „In der Hochphase haben 15 Mitarbeiter gleichzeitig an dem virtuellen 3-D-Gebäudemodell gearbeitet“, erzählt Keller. Mit Hilfe von BIM werden alle Kollisionen von Aufgaben vermieden. Um Kosten zu sparen und den Unterhalt zu vereinfachen, achtet Nething darauf, möglichst viele gleiche Produkte einzusetzen.

Die größte Herausforderung des Paulaner-Projektes war das unübliche Vorgehen: Die Gebäude und die Brauanlagen samt Kesseln und Rohren wurden gleichzeitig errichtet. „Das war für alle Beteiligten anspruchsvoll“, sagt Braumeister Dahncke. „Die Bauplaner hätten vor Beginn ihrer Feinplanung gewusst, wo zum Beispiel jedes einzelne Rohr der Abfüllanlagen hinkommen soll. Wir hätten gerne in den fertigen Gebäuden zu arbeiten begonnen. Aber beides wäre im Zeitplan nicht möglich gewesen. So mussten wir uns eben ständig eng abstimmen“, erzählt er. Dennoch blieb das Projekt im Zeit- und Kostenrahmen.

Mittlerweile ist das Gros abgearbeitet. Statt wie zu Spitzenzeiten 50 der 140 Nething-Mitarbeiter sind noch drei in Langwied beschäftigt. Das BIM-Modell hilft Paulaner nun beim Unterhalt des Standorts. Sämtliche Daten hat Paulaner  auf DVD. Darin sind auch die Eigenschaften der Bauteile samt Bestellnummer hinterlegt: Wie schwer beispielsweise ist der Aufzug, wie sind die Wartungsintervalle? Der Vorteil für den Betreiber: Er kann auf Knopfdruck eine Liste von Dingen erstellen, die jährlich ersetzt werden müssen, von der Dichtung bis zur Glühbirne.

Kleinteilige Branche

Nething In Deutschland arbeiten rund 120 000 Architekten in 40 000 Büros. Die Nething-Gruppe aus Neu-Ulm mit ihren 140 Mitarbeitern gehört zu den 20 größten Anbietern. Das Büro ist 1967 von Axel Nethings Eltern, Frieder und Brigitte, gegründet worden. Neben dem Hauptsitz in Ulm/Neu-Ulm unterhält das Unternehmen Büros in Berlin, Leipzig, Stuttgart und Günzburg.

Paulaner Die Tradition der Paulaner Brauerei GmbH und Co. KG reicht ins Jahr 1634 zurück. Sie gehört zu 75 Prozent zur Münchner Schörghuber Unternehmensgruppe und zu 25 Prozent zum niederländischen Brauriesen Heineken. An dem neuen Standort Langwied im Münchner Westen sollen jährlich bis zu 3,5 Mio. Hektoliter Bier gebraut werden. amb