Berlin/Paris Nationale Interessen siegen

EADS-Chef Thomas Enders stieß mit seinen Vorstellungen zum Aufbau des weltgrößten Rüstungskonzerns bei der Bundesregierung nicht auf Gegenliebe. Foto: dpa
EADS-Chef Thomas Enders stieß mit seinen Vorstellungen zum Aufbau des weltgrößten Rüstungskonzerns bei der Bundesregierung nicht auf Gegenliebe. Foto: dpa
Berlin/Paris / UTA WINKHAUS, ANSGAR HAASE, DPA 11.10.2012
Politische Ränkespiele und nationale Interessen ließen den Fusionspoker zwischen EADS und BAE platzen. Vor allem Thomas Enders, Chef des deutsch-französischen Luftfahrtkonzerns ist am Ende düpiert.

Im Poker um die Fusion von EADS und BAE hat es von Anfang an massive politische Widerstände gegeben. Es ging um strategische Bedenken, Macht und Einfluss, Standorte und Arbeitsplätze.

Welche Bedenken hatte die deutsche Regierung? Nach Überzeugung der Bundesregierung liegt die Stärke von EADS im Bereich der zivilen Luftfahrt. Auf dem Weltmarkt hat ein in erster Linie zivil geprägter Konzern aus ihrer Sicht weitaus größere Chancen als ein Rüstungskonzern. Am größten aber war die Sorge, dass Deutschland in dem neuen Mega-Konzern zum fünften Rad am Wagen werden könnte. Nach dem Willen von Konzernchef Tom Enders soll die EADS-Zentrale nach Toulouse ziehen, die Militärsparte wäre womöglich bei BAE in England gelandet. Das ließ in Berlin alle Alarmglocken schrillen. Deutschland dürfe nicht zu verlängerten Werkbank werden, hieß es.

Woran ist die Fusion am Ende gescheitert? Dazu gibt es verschiedene Versionen. Die einen sagen, Frankreich und Großbritannien hätten sich nicht über die Anteilsstruktur und den staatlichen Einfluss einigen können. Die anderen weisen mit dem Finger nach Berlin. Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) bestreitet aber, dass Deutschland die Verantwortung für das Scheitern des Projekts trage. "Ich habe diese Meinung zur Kenntnis genommen, ich teile sie nicht." Frankreichs Präsident François Hollande betont: "Das ist die Entscheidung der Unternehmen." Paris habe allerdings Forderungen in Bezug auf den künftigen Staatsanteil, die Unternehmenssitze und Verteidigungsinteressen gestellt. Das gilt auch für Deutschland. Der britische Verteidigungsministers Philip Hammond ist überzeugt, dass der Deal letztlich wegen der Differenzen zwischen den Regierungen geplatzt ist.

Wie reagiert Berlin auf das Scheitern? Mit Erleichterung. "Ich bin davon überzeugt, dass EADS seine Stärken am besten selbstständig auf dem Weltmarkt zur Geltung bringen kann", sagt der Koordinator für Luft- und Raumfahrt, Peter Hintze (CDU). Davon profitierten auch die deutschen EADS-Standorte und die mittelständischen Zulieferer. "Die Technologienation Deutschland hat ein originäres Interesse daran, dass Forschung, Entwicklung und industrielle Produktion bei uns stark bleiben." In Regierungskreisen wird zudem betont, dass die Schlüsseltechnologien Luft- und Raumfahrt über Jahrzehnte mit Milliardensummen gefördert worden seien. "Diese Investitionen sollen sich auch in Zukunft in Deutschland auszahlen."

Wo lagen die britischen Interessen? Verteidigungsminister Hammond drohte, dass die Regierung in London von ihrem Veto-Recht Gebrauch machen werde, falls Frankreich und Deutschland zu viel Kontrolle über Strategie und Ausrichtung eines möglichen Gesamtunternehmens erhielten. Neben der Sorge um die eigenen nationalen Verteidigungsinteressen stand dahinter besonders die bange Frage nach dem Geschäft in den USA. Das Pentagon ist einer der wichtigsten Kunden der Briten, derzeit sind im BAE-Aufsichtsrat zahlreiche US-Amerikaner vertreten. Zu viel Einfluss aus Deutschland und Frankreich hätte das Ende der engen Geschäftsbeziehungen bedeuten können.

Was waren die Interessen Frankreichs? Präsident Hollande wollte auf strategische Entscheidungen der Konzernführung weiter Einfluss haben und lehnte es ab, auf eine Kapitalbeteiligung zu verzichten. Ein Dorn im Auge war ihm auch die Forderung aus Berlin, den Sitz des neuen Unternehmens in Deutschland anzusiedeln. EADS-Chef Enders hatte erst in diesem Jahr entschieden, die Führung des Konzerns im französischen Toulouse zusammenzuziehen. Dort ist die wichtigste Tochter Airbus angesiedelt. Wie die deutsche Bundesregierung sorgte sich Frankreich zudem um die Sicherheit von Arbeitsplätzen und forderte Standortgarantien.