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Europa und die USA als gemeinsame Freihandelszone: Was früher nur eine Vision blieb, könnte jetzt Wirklichkeit werden. Die Wirtschaftskrise macht es möglich - und der dynamische Aufstieg Asiens.

Noch ist es nur eine wiederbelebte Vision, doch seit dem Wochenende hat sie Wucht: Die USA wollen eine Freihandelszone mit Europa. Und zumindest Deutschland ist mit im Boot. Was US-Vizepräsident Joe Biden kombiniert mit warmen Worten an die Adresse der Europäer in München ausbreitete und Bundesaußenminister Guido Westerwelle zustimmend aufnahm, könnte den Beziehungen der USA zu Europa einen grundlegend veränderten Charakter geben.

Allerdings gibt es noch unzählige offene Fragen - etwa, ob mit solch einer Zusammenarbeit dann auch gentechnisch veränderte Lebensmittel aus den USA nach Europa geschwemmt wird.

Ein transatlantisches Freihandelsabkommen könnten die gegenseitigen Geschäfte befeuern. Solche Überlegungen gab es in der Vergangenheit immer wieder - diesmal scheinen aber beide Seiten dafür offen. Es gebe zwar noch Schwierigkeiten, sagte Biden: "Wir können diese Differenzen bewältigen." Dann versprach er eine Art Garten Eden: Die Früchte solch einer Zusammenarbeit wären fast grenzenlos.

Was bisher nur erste Absichtserklärungen sind, könnte schon absehbar angegangen werden. Am 12. Februar wird US-Präsident Barack Obama eine Rede zur Lage der Nation halten - eine Gelegenheit, um auf das wirtschaftliche Potenzial einer engeren Verbindung zu Europa zu verweisen. Westerwelle hatte kürzlich gefordert, der europäische Rat solle auf seiner nächsten Tagung ein "entschlossenes politisches Signal für ein ambitioniertes Abkommen" aussenden. Noch vor dem Sommer sollten konkrete Verhandlungen angepeilt werden.

Was die USA und Westerwelle treibt, ist die Wirtschaftskrise. Eine Freihandelszone bietet nach Einschätzung von Ökonomen ein großes Wachstumspotenzial, Westerwelle beziffert die möglichen Wohlstandsgewinne "in jedem Fall im dreistelligen Milliardenbereich". Seine Vorstellungen gehen dabei sehr weit: Westerwelle will einen transatlantischen Binnenmarkt, in dem nicht nur Zölle wegfallen, sondern auch die rechtlichen Vorschriften weitgehend aneinander angepasst werden.

Doch die Wachstumsimpulse sind das Eine. Die konkreten Folgen für die Wirtschaft das andere. Wenn Produkte aus den USA in solch einem Binnenmarkt auf einmal keine Zulassung mehr in Europa brauchen, fürchten Gegner etwa die unkontrollierte Einfuhr gentechnisch veränderter Lebensmittel. In den USA fürchten sie sich wiederum vor BSE und Bakterien in französischem Käse. Diese Bedenken wurden auch vor fast sechs Jahren diskutiert, als Bundeskanzlerin Angela Merkel beim damaligen US-Präsidenten George W. Bush offen für die Idee einer Freihandelszone warb.

Die Skepsis von damals ist bei vielen auch heute noch aktuell - mit einem großen Unterschied: Nachhaltig verunsichert von den Finanz- und Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahre suchen Amerikaner und Europäer nach einem zumindest scheinbar sicheren Weg, das Wirtschaftswachstum zu stärken.

Solange der Schock der Wirtschaftskrise nachwirkt, dürfte auf beiden Seiten das Interesse bestehen bleiben. "Jetzt haben wir das nötige Momentum", sagte Westerwelle der "Welt am Sonntag". Anders: Wenn nicht jetzt, dann wahrscheinlich nie.