Mitfahrgelegenheit Mitfahrgelegenheit: Zusammen günstig unterwegs

Abfahrt am Fernbusbahnhof in Ulm-Böfingen: Marco Wohlfart lädt das Gepäck seiner Mitfahrerin Victoria Rößchen ein. Sie fährt bis Leipzig mit, für Ihn geht es danach noch weiter nach Berlin.
Abfahrt am Fernbusbahnhof in Ulm-Böfingen: Marco Wohlfart lädt das Gepäck seiner Mitfahrerin Victoria Rößchen ein. Sie fährt bis Leipzig mit, für Ihn geht es danach noch weiter nach Berlin. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / DAVID NAU 08.05.2017
Immer mehr Autofahrer bieten bei Blablacar im Internet freie Sitzplätze an. Für die Mitfahrer ist das meist günstiger als Bahn oder Fernbus.

Victoria Rößchen steht am Fernbusbahnhof in Ulm-Böfingen und wartet auf die Abfahrt in Richtung Leipzig. Die 22-Jährige geht mit ihrem Koffer aber nicht in Richtung des großen, giftgrünen Busses, sondern läuft schnurstracks auf einen dunklen Mittelklasse-Kombi zu. Darin sitzt Marco Wohlfart. Er erwartet seine Mitfahrerin schon, man begrüßt sich freundlich mit Handschlag und stellt sich vor. Die beiden fahren heute gemeinsam durch Deutschland. Zumindest einen Teil der Strecke. Marco Wohlfart war beruflich im Südwesten unterwegs und fährt nun wieder nach Hause. Das ist kurz hinter Berlin. Victoria nimmt er nach Leipzig mit. Sie besucht dort ihre Großeltern.

Verabredet haben sie sich im Internet auf der Plattform Bla­blacar. Das Prinzip ist simpel. Autofahrer können dort auf einer längeren Autofahrt freie Sitzplätze anbieten. Mitfahrer haben dann die Möglichkeit, einen Platz zu reservieren und entweder die ganze Strecke oder auch nur Teilstücke mitzufahren. Der ganze Prozess funktioniert bequem über das Internetportal von Blablacar oder die App des Unternehmens.

Für die Strecke nach Leipzig zahlt Rößchen 20 € an ihren Fahrer sowie 3 € Vermittlungsgebühr an Blablacar. Die Studentin nutzt diese Möglichkeit des Reisens öfters, hauptsächlich aus finanziellen Gründen. „Bisher war die Mitfahrgelegenheit immer die günstigste Alternative“, sagt sie. So auch dieses Mal. Bei der Bahn wären für die Strecke nach Leipzig rund 100 € fällig gewesen und auch der Fernbus kann mit den 23 € nicht mithalten.

Dass Mitfahrgelegenheiten dank praktischer und einfacher Apps mittlerweile eine Alternative zu Bus und Bahn darstellen, beweisen die Nutzerzahlen am Beispiel von Ulm. So wurden nach Angaben von Blablacar an einem regulären Wochenende im März im Schnitt 557 Fahrten von oder nach Ulm angeboten, am häufigsten ging es nach München, Stuttgart, Berlin, Karlsruhe oder Köln.

Hauptnutzer des Angebotes sind junge Leute, über 80 Prozent der Mitfahrer, die in Ulm zusteigen sind laut Blablacar zwischen 18 und 35 Jahren alt. Und auch die Anbieter der Fahrten sind mehrheitlich jung, nur 25 Prozent sind über 35 Jahre alt.

Zu diesen 25 Prozent zählt Marco Wohlfart. Mitfahrer sucht der 40-Jährige über die Plattform seit Ende 2015. Aus beruflichen Gründen ist der Soldat viel in Deutschland unterwegs, fährt zu Lehrgängen in der ganzen Republik. Er nimmt Mitfahrer nicht nur aus finanziellen Gründen mit: „Mit einem Beifahrer wird die Fahrt nicht ganz so langweilig“, sagt er. Bislang hat er nur positive Erfahrungen gemacht und mit seinen Beifahrern gute Gespräche geführt. Meist spreche man über Alltägliches: „Wo kommst du her? Was machst du beruflich?“

Im Netz kursieren Horrorstorys

Auch Victoria Rößchen hat mit ihren Fahrern bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht. „Einmal hatte ein Auto schon 700.000 Kilometer runter, aber das war nicht so schlimm“, erzählt sie. Im Netz kursieren jedoch Horrorgeschichten von schrottreifen Fahrzeugen und rasenden Fahrern. Blablacar selbst prüft die Fahrer nicht auf Tauglichkeit, sondern setzt bei diesem Thema auf die Nutzer. Die haben nach der Fahrt die Möglichkeit, ihren Fahrer zu bewerten, andere Nutzer können die Bewertungen vor einer Buchung einsehen. Sich selbst überlassen ist die Community aber nicht. „Wir sind eine moderierte Plattform: Bekommen wir von Nutzern einen Hinweis auf Fehlverhalten, dann gehen wir diesem nach“, erklärt Pressesprecherin Marei Martens.

Sollte im Fall des Falles doch einmal etwas passieren, ein Fahrer einen Unfall oder eine Panne haben, so sind die Mitfahrer über die Plattform automatisch versichert. Zum einen stellt Blablacar sicher, dass alle Passagiere ans Ziel kommen, zum anderen umfasst die Buchung eines Sitzplatzes eine Unfallversicherung. Allerdings hat die Plattform in einer eigenen Studie festgestellt: „Fahrer, die mit Mitfahrern unterwegs sind, fahren tendenziell sicherer als der Durchschnitt“, sagt Martens.

Mitfahrer transportieren darf generell jeder, ein Personenbeförderungsschein ist nicht notwendig, erklärt die Pressesprecherin. Der sei nur dann gefordert, wenn mit den Fahrten Geld verdient werde. Der Unterschied zu anderen Angeboten wie etwa Taxis oder der Chauffeur-App Uber sei jedoch: „Die Fahrer planen die Fahrt ohnehin und suchen nach Mitfahrern, um ihr Auto besser auszulasten“, erklärt Martens. Bei der Steuererklärung müssen die Fahrer die Einnahmen aus den Mitfahrangeboten als Einkünfte angeben, dasselbe gilt aber auch für die Ausgaben. Große Gewinne lassen sich ohnehin nicht erzielen, auch weil Blablacar die Preise für die Fahrten deckelt: Die Plattform schlägt dem Fahrer eine Summe vor, mehr als 50 Prozent Abweichung nach oben oder unten ist nicht erlaubt.

Auch Marco Wohlfart meint, wegen des Geldes lohne sich das Ganze nicht. „Man kommt selten mit einem Gewinn raus“, sagt Wohlfart. Zwar könne er bei genügend Mitfahrern manchmal seine Spritkosten decken, nicht aber weitere Kosten wie Versicherungen und Verschleiß.

Erst seit August 2016 mit Reservierungsgebühr

Blablacar Das Unternehmen ist in Deutschland Marktführer bei der Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten. Es wurde 2006 in Frankreich gegründet und hat Ableger in 22 Ländern. In Deutschland ist es seit 2013 aktiv. Nach eigenen Angaben nutzen weltweit 12 Millionen Reisende das Portal pro Quartal. In Deutschland beschäftigt es rund 25 Mitarbeiter. Seit August 2016 nimmt Blablacar pro Buchung eine Gebühr - bezahlt wird online. Das wird von den Kunden laut Blablacar gut angenommen.

Umsatz Über Umsatz und Gewinn schweigt Blablacar, man habe die Gebühr aber mit dem Ziel eingeführt, wirtschaftlich arbeiten zu können. dna

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