Lebensversicherung Mit alten Verträgen plötzlich bei neuem Unternehmen

Berlin / Dieter Keller 18.10.2017

Schon die Zahl lässt aufhorchen: Mehr als 10 Mio. Lebensversicherungsverträge könnten demnächst von Branchengrößen wie Ergo und Generali zu anderen Unternehmen wechseln. Dabei elektrisiert, dass als Käufer Firmen mit chinesischen Besitzern im Gespräch sind. Doch die Versicherten sollten gelassen bleiben, rät Lars Gatschke, Versicherungsexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (VZBV). Dagegen spricht der Bund der Versicherten von einem „Erdbeben in der deutschen Lebensversicherung“.

Angesichts der anhaltend niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt verlieren immer mehr Anbieter das Interesse an klassischen Lebens- und Rentenversicherungen, die einen garantierten Zinssatz bieten. Zu den besten Zeiten waren das 4 Prozent, die immer schwerer zu erwirtschaften sind. Neue Verträge, die seit Jahresbeginn abgeschlossen werden, bieten nur noch 0,9 Prozent. Viele Versicherer setzen inzwischen auf Verträge ohne Garantie, was letztlich eine höhere Verzinsung bringen soll.

Schon in den letzten Jahren hatten Versicherer immer wieder den Eigentümer und auch den Namen gewechselt, ohne dass dies Einfluss auf bestehende Verträge und das Kapital der Versicherten hatte. Bestes Beispiel ist die Hamburg-Mannheimer, bekannt durch „Herrn Kaiser“, die seit 1998 zur Ergo-Gruppe gehört, an der wiederum die Münchner Rückversicherung die Mehrheit besitzt. Über die Einhaltung der  gesetzlichen Vorschriften wacht  die Bundesanstalt für Finanzmarktsicherung (Bafin) als Aufsichtsbehörde. So müssen mindestens 90 Prozent der Kapitalerträge den Kunden zugute kommen.

Versicherer können nicht einfach dicht machen, sondern nur das Neugeschäft einstellen. Die vorhandenen Verträge müssen sie bis zum Ende der Laufzeit erfüllen, was bei Lebensversicherungen 30 bis 60 Jahre bedeuten kann. So lange haben die Versicherten nicht nur Anspruch auf alle garantierten Leistungen, sondern auch auf die Überschussbeteiligung bei Ablauf des Vertrags. Da kann es für das Unternehmen wirtschaftlicher sein, entweder einen Teilbestand oder aber die gesamte Lebensversicherungsgesellschaft zu verkaufen. Erwerber muss immer eine deutsche Firma sein, die allerdings ausländische Eigentümer haben kann.

Den kompletten Ausstieg aus dem Neugeschäft hat die Generali angekündigt. Bisher heißt es nur, eine Veräußerung des Altgeschäfts sei nicht ausgeschlossen. Das gilt allerdings nicht für ihre Tochter Aachen-Münchener, die weitermacht. Bei der Ergo heißt es, man suche nach einem Käufer für 6 Mio. alte Verträge. Auch die Axa schließt einen solchen Schritt nicht aus. Ein kleinerer Anbieter, die Arag, hat gerade ihre 322 000 Lebensversicherungsverträge an die Frankfurter Leben Gruppe verkauft. Dieses Unternehmen, das mehrheitlich dem chinesischen Mischkonzern Fosun gehört, hat sich darauf spezialisiert, Bestände von anderen Versicherern zu übernehmen und weiter zu verwalten.

Andere Versicherer haben dagegen ausdrücklich ausgeschlossen, diesen Weg zu gehen, allen voran der Marktführer Allianz. „Wir stehen zu unseren Kunden, ohne Wenn und Aber“, betonte ihr Chef Markus Faulhaber. „Wir möchten weiter Kunden gewinnen, nicht loswerden.“

Der Verkauf von Beständen kann für die Kunden durchaus von Vorteil sein, wenn der Erwerber mit niedrigeren Kosten arbeitet. Er braucht weder einen Vertrieb noch eine Produktentwicklung, und er kann spezielle Software einsetzen. Ob er tatsächlich höhere oder geringere Überschüsse mache, gleiche einem „Blick in die Glaskugel“, sagt Verbraucherschützer Gatschke. Er rät von vorschnellen Vertragskündigungen ab, die rasch zu einem Verlustgeschäft werden können. Doch sollten die regelmäßigen Standmitteilungen gründlich studiert und im Zweifelsfall Fachleute der Verbraucherzentralen zu Rate gezogen werden. Der Bund der Versicherten haut mehr auf den Putz: Ein Investor wolle möglichst viel Rendite erzielen – auf Kosten der Kunden.

Entwicklung der Branche

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