Trotz verstärkter Klagen der Taxibranche, mancher Landwirte und vor allem ostdeutscher Gastronomen - sechs Monate nach Einführung des Mindestlohns von 8,50 EUR die Stunde sind die bundesweiten Folgen der flächendeckenden Lohnuntergrenze noch immer nur schwer abschätzbar. Vor allem Wirtschaftsforscher, wie das Münchner Ifo-Institut, halten sich mit einer Zwischenbilanz zurück. "Wir haben noch keine eigenen Erkenntnisse", lehnt Ifo-Sprecher Harald Schultz Bewertungen ab. Zwei Entwicklungen lassen sich nach Experteneinschätzung aber schon beobachten: Der Mindestlohn kostet vor allem Minijobber und Beschäftigten in Ostdeutschland den Job.

Insgesamt scheinen aber Unternehmen den Mindestlohn im Großen und Ganzen gut verkraftet zu haben. Der von manchen befürchtete massive Stellenabbau ist bislang ausgeblieben. "Wie erwartet ist die Anpassung an den Mindestlohn für einige Betriebe im Osten schwerer als im Westen", sagt Joachim Möller, der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Auch der stärkere Rückgang der Minijobs im ersten Quartal gehe wahrscheinlich zum Teil auf das Konto des Mindestlohns. Dafür spreche die zeitliche Übereinstimmung.

Trotz dieser Entwicklung ist für Möller inzwischen aber klar: "Die von einigen erwartete große Katastrophe ist ausgeblieben. Das Instrument Mindestlohn hat nicht für immense Probleme gesorgt." Für jene, die in den vergangenen Monaten ihren 450-Euro-Job-Job verloren, weil sie offenbar zu Mindestlohnbedingungen nicht mehr rentabel zu beschäftigen waren, ist das ein schwacher Trost. Nach Angaben der Minijob-Zentrale in Bochum gab es Ende März fast 190 000 Minijobs weniger als vor einem Jahr. Die Zahl der Minijobber sank im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 2,8 Prozent auf 6,6 Millionen.

"Der Rückgang der Minijobs in diesem Umfang ist schon ungewöhnlich", meint Sprecher Wolfgang Buschfort. Dass der Rückgang etwas mit dem Mindestlohn zu tun hat, hält er auch er für wahrscheinlich. "Andere Gründe fallen uns jedenfalls nicht ein."

Für Arbeitsmarktforscher Möller bedeutet das aber nicht unbedingt, dass die bisherigen Minijobber zugleich ihre Arbeit verloren haben.

Ein genauerer Blick auf die Minijob-Zahlen habe gezeigt, dass gerade in Branchen mit hohen Minijob-Verlusten zuletzt besonders viele neue sozialversicherungspflichtige Stellen entstanden. Im Klartext: Etliche Mini-Jobs wurden anscheinend wegen des Mindestlohns in reguläre Arbeitsplätze umgewandelt. Wie groß dieser Effekt tatsächlich ist, werde man aber wohl frühestens am Jahresende wissen, glaubt auch Möller.

Unklar ist auch noch, wie viele Beschäftigten auf der anderen Seite vom Mindestlohn profitieren. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sprach unlängst in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" von 2,8 Millionen Menschen, die am Monatsende wegen des Mindestlohns mehr Gehalt auf dem Konto haben - und zwar im Schnitt rund 30 Prozent. IAB-Chef Möller möchte sich da noch nicht festlegen. Er geht davon aus, dass sich die Lohnsumme in Deutschland wegen des Mindestlohns bis Jahresende um rund 1,6 Prozent erhöht - vorausgesetzt, die Lohnuntergrenze führt nicht zu einem verstärkten Stellenabbau.

Kommentar von Dieter Keller: Kein Drama

Zumindest bisher ist das Drama ausgeblieben, das manche wegen der Einführung des Mindestlohns an die Wand gemalt hatten: Es wurden nicht Hunderttausende von Geringverdienern entlassen. Dazu läuft derzeit die Konjunktur gerade im Inland zu gut, und die Unternehmen bemühen sich wegen der beginnenden Nachwuchsprobleme sichtlich, Mitarbeiter zu halten.

Zwar gab es bei den Minijobbern einen deutlichen Rückgang. Aber ein wesentlicher Grund dafür ist, dass manche dank des Mindestlohns über die 450-Euro-Grenze kommen und nicht etwa entlassen wurden, sondern jetzt in einem sozialversicherungspflichtigen (Teilzeit-)Job beschäftigt werden. Das ist sicher kein Fehler.

Klar war von vornherein, dass die Einführung des Mindestlohns nicht völlig problemlos laufen und wo es die meisten Probleme geben würde: bei Dienstleistern und in Ostdeutschland. Dort wurde besonders häufig weniger als 8,50 Euro bezahlt. Gerade diese Betriebe müssen verstärkt ihre Kunden aufklären und dafür werben, weshalb sie die Preise erhöhen. Das ist zugegebenermaßen mühsam, und es wird nicht immer gelingen. Der Mindestlohn sorgt aber für Wettbewerbsgleichheit für Firmen, die bisher schon vernünftig bezahlt haben. Das ist viel wert.