Personalisierte Produkte Individualisierung: Maultaschen mit Hackfleisch und Banane

Stefan Bless aus Stuttgart verkauft Maultaschen nach Maß. Manche Kunden wünschen sich recht wilde Kreationen.
Stefan Bless aus Stuttgart verkauft Maultaschen nach Maß. Manche Kunden wünschen sich recht wilde Kreationen. © Foto: Ferdinando Iannone
Ulm / Simone Dürmuth 29.05.2017

Die immer gleichen Modeketten säumen die Fußgängerzonen zwischen Ulm und Hamburg. Und auch das Supermarkt­sortiment unterschiedet sich nur marginal, ob man nun in Köln oder Berlin einkauft. Sogar lokale Spezialitäten wie die Maultaschen sind praktisch überall zu haben.

Doch der Trend zum Einheitsbrei scheint gebrochen: Immer mehr Anbieter verkaufen personalisierte Produkte. Seien es die Frühstücksflocken von mymuesli.de oder die nach Wunsch bedruckte Kleidung von Spreadshirt: Der Kunde ist König und kann mit Hilfe einer Internetseite das Produkt so gestalten, wie er es haben will. Selbst die bereits erwähnten Maultaschen kann man sich selbst zusammenstellen.

„Die Individualisierung von Produkten ist ein Ausdruck der Selbstverwirklichung“, glaubt Ralf Scharnhorst vom Deutschen Marketingverband. Doch warum  bieten gerade jetzt immer mehr Firmen ihre (teil)individualisierten Produkte an? „Das Internet und technische Entwicklungen wie der 3D-Druck machen das möglich“, so der Spezialist für Online-Marketing. Den Willen zur Gestaltung habe es aber schon immer gegeben.

Wichtigstes Handwerkszeug der Anbieter ist dabei der Konfigurator, also die Internetseite, auf der das jeweilige Produkt gemischt, gestaltet und aufgehübscht wird: Je nach Produkt können hier Haferflocken, Bonbons oder Maultaschenfüllung ausgewählt und die Verpackung gestaltet werden. „Zwei Jahre hat die Entwicklung gedauert“, berichtet Stefan Bless, der auf stuggi.de individualisierte Maultaschen verkauft. Im Sommer 2015 ist der 31-Jährige mit seiner Idee online gegangen. Und seitdem kommt der Metzger kaum noch nach: 40 bis 60 Pakete verschickt er jede Woche aus Stuttgart-Möhringen in alle Ecken Deutschlands. 200 bis 400 Kilo Maultaschen produziert er dafür.

90 Prozent Standard

Darunter sind oftmals auch wilde Kombinationen. So habe ein Kunde einmal einen schwarzen Teig bestellt, gefüllt mit einer süßen Grundmasse sowie Oliven, Hackfleisch, Banane und Schokolade. Doch so vielfältig und verrückt die Kombinationsmöglichkeiten sind, die Bless anbietet: Fast 90 Prozent der Bestellungen sind Standardware. Seit dem Start im Sommer 2015 habe es etwa 20 Kombinationen gegeben, die „echt krass“ gewesen seien. Doch: „Ohne die Standardware wäre der Onlineshop nicht denkbar.“ Das findet er selbst erstaunlich, er hätte mit mehr Experimentierfreude gerechnet.

Bei Spreadshirt (Waldenbuch) machen die individualisierten Produkte etwa 45 Prozent des Gesamtumsatzes aus, erklärt Tobias Beutel von Spreadshirt. „Das ist ein Trend, Individualität wird allgemein wichtiger. Sei es bei Pizzas, Autos  oder Sofas. Überall, wo Konsum eine Rolle spielt, wird personalisiert“, so Beutel. „Durch die Globalisierung haben wir Zugriff auf praktisch alles. Darum wird es wieder wichtiger, sich abzusetzen. Aber auch die Identität einer Gruppe kann mit solchen Produkten gestärkt werden, sei es ein Sportverein, ein Fanclub oder der Junggesellenabschied.“ Ein gemeinsames T-Shirt wirke wie eine Uniform.

Kunden weltweit erreichen

Für den Erfolg der personalisierten Produkte ist vor allem das Internet wichtig. „Wir können so Kunden weltweit erreichen“, erklärt Beutel. Er zieht einen Vergleich zum Streaming-Dienst Netflix: Wer viele Nischenprodukte anbietet, findet dank des weltweiten Absatzmarktes genügend Kunden, die sich für ein Produkt interessieren.

Doch die Konkurrenz im Internet baut auch Druck auf: „Wir produzieren nach Auftrag und verschicken Einzelbestellungen spätestens 48 Stunden nach der Bestellung“, so Beutel. Langsamer zu sein, kann man sich nicht leisten, denn „Amazon gibt das Tempo vor“, der Kunde ist verwöhnt.

Maultaschen und T-Shirts sind aber nur zwei Beispiele – die Möglichkeiten sind nahezu endlos. Seit einiger Zeit tummeln sich auch die Großen auf dem  Markt: Brausehersteller Coca-Cola hat für einige Zeit auf Wunsch  Flaschen mit dem Namen des Kunden auf dem Etikett verschickt, bei Schokoladen-Hersteller Ritter Sport lässt sich die Verpackung individuell gestalten. Auch Sportkonzerne wie Adidas und Nike bieten personalisierbare Produkte an – von der Farbe bis zum Schnürsenkel. Oft ist diese „Nicht-Standard-Ware“ deutlich teurer. So kosten vier normale Maultaschen bei Stefan Bless 6,49 €. Wählt man einen hellen Teig, die Grundmasse mit Fleisch, dazu Landjäger und Walnüsse, kommt man schon auf 8,48 €. Doch weil eine emotionale Bindung zum selbst gestalteten Produkt entsteht, sind Kunden bereit, tiefer in die Tasche zu greifen.

Die Zukunft der individualisierten Produkte malt sich Marketingexperte Scharnhorst rosig aus: „Vor allem bei Möbeln gibt es noch viele Möglichkeiten.“ Aber auch bei Postertapeten, Wandtattoos, Leuchtkästen. „Die Angebote nehmen immer mehr Formen an.“ Doch diese Produkte werden immer nur in Teilen individuell sein. Es wird eine Liste von Elementen geben, aus denen man auswählen kann. Dank technischer Innovationen wie dem 3D-Druck könnten auch die Sohlen in Sportschuhen genau an den Kunden angepasst werden. Doch steckt zu viel Handarbeit drin, wird es vielen schnell zu teuer. „Dass maßgeschneiderte Kleidung in der Breite eine Renaissance erlebt, glaube ich eher nicht.“

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