Anlegerschützer für Abbruch Neue Hürden für Fusion von Linde und Praxair

Am Markt wachsen die Zweifel an einer erfolgreichen Fusion. Foto: Matthias Balk
Am Markt wachsen die Zweifel an einer erfolgreichen Fusion. Foto: Matthias Balk © Foto: Matthias Balk
München / Von Alexander Sturm, dpa und Natali Schwab, dpa-AFX 22.08.2018

Wegen neuer Hürden der Kartellbehörden für die geplante Fusion von Linde und Praxair fordern Anlegerschützer den Abbruch.

„Es hätte Größe, den Deal abzublasen und einzugestehen, dass man es auch im zweiten Anlauf nicht geschafft hat“, sagte Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin des Anlegerschutzvereins DSW, der Deutschen Presse-Agentur in München. „Der Punkt ist erreicht, wo man darüber nachdenken muss, ob diese Fusion noch Sinn macht. Linde ist auch ohne Praxair gut aufgestellt.“ Auch aus Gewerkschaftskreisen kam erneut Widerstand.

Der Industriegasekonzern Linde und US-Konkurrent Praxair wollen einen neuen Weltmarktführer schaffen. Um die Bedenken von Kartellbehörden vor einer zu dominanten Position auszuräumen, müssen sie Geschäfte verkaufen. Die beiden Konzerne haben vereinbart, dass dabei die Grenze von 3,7 Milliarden Euro Umsatz oder 1,1 Milliarden Euro Betriebsgewinn nicht überschritten werden darf.

Doch das Projekt wackelt: Am Mittwochmorgen teilte Linde mit, dass die Aufseher mehr Zugeständnisse fordern. „Auf Basis weiterer Rückmeldungen von Wettbewerbsbehörden ist nunmehr davon auszugehen, dass die umsatzbezogene Obergrenze für Veräußerungszusagen überschritten wird“, hieß es. Die Unternehmen verhandelten weiter und diskutierten mit Wettbewerbsbehörden über die Erfüllung der Auflagen.

Mit den neuen Hürden verschlechterten sich die Voraussetzungen für den Zusammenschluss, kritisierte Bergdolt. „Die erhofften Synergien von 1,1 Milliarde Euro im Jahr dürften so kaum zu halten sein.“ Mit dem Überschreiten der vereinbarten Obergrenze würden Linde und Praxair „die eigene Schmerzgrenze niederreißen“, kritisierte sie. „Es drängt sich der Eindruck auf, als gehe es Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle nur darum, den Deal um jeden Preis durchzusetzen.“

Linde und Praxair hatten schon 2016 eine Fusion versucht. Damals scheiterte der Deal am Streit um den Konzernsitz. Reitzle will nun einen Weltmarktführer mit 28 Milliarden Euro Jahresumsatz schaffen - vor der französischen Air Liquide. Die neue Linde plc soll in Dublin sitzen und von Praxair-Chef Steve Angel geführt werden. Die Amerikaner sind Marktführer in den USA, Linde ist stark in Europa und Asien, im US-Medizingeschäft und im Anlagenbau.

Der Weg aber gestaltet sich schwierig. Die EU-Kommission stimmte dem Deal am Montag zu - allerdings unter Auflagen. Sie hatte gefürchtet, dass Verbraucher unter einem neuen Marktführer leiden und die Preise steigen. Praxair muss nun sein gesamtes Europa-Geschäft. Linde hatte bereits vereinbart, den Großteil seiner US-Geschäfte an die deutsche Gesellschaft Messer und den Finanzinvestor CVC zu veräußern.

Als entscheidende Hürde gilt die Zustimmung der US-Kartellbehörde FTC. Grünes Licht fehlt zudem aus Brasilien, Argentinien, Südkorea, Indien und China. Die Zeit drängt: Laut Wertpapiergesetz muss die Fusion spätestens am 24. Oktober unter Dach und Fach sein. An der Börse wird bereits über wesentlich höhere Verkäufe von Geschäftsteilen spekuliert. Am Ende könnten es 4,5 Milliarden Euro sein, sagte ein Marktexperte.

Wird die vereinbarte Umsatzgrenze überschritten, müssten beide Firmen zustimmen. Auch der Linde-Aufsichtsrat müsste sich damit wohl erneut befassen. Linde hatte anders als Praxair den Deal nicht den Aktionären zur Abstimmung auf einer Hauptversammlung vorgelegt.

Bergdolt forderte nun den Einbezug der Aktionäre. „Sie haben Linde ihre Anteile angedient unter den Voraussetzungen, dass die Obergrenze beim Umsatz eingehalten wird. Es wäre fair, sie endlich auf einer gesonderten Hauptversammlung zu befragen.“ Zudem könnten sich die Verhältnisse zwischen den Partnern verschieben, warnte sie. Wenn Praxair noch Unternehmensteile verkaufen müsse, dürften sich „die Wertverhältnisse nicht weiter zu Lasten von Linde verschlechtern.“

Auch von Arbeitnehmervertretern kam erneut Widerstand. „Linde braucht die Fusion nicht“, hieß es aus Gewerkschaftskreisen. IG Metall, IG BCE und Betriebsräte sehen das Vorhaben kritisch. Sie fürchten den Abbau von bis zu 10 000 Jobs und bangen um deutsche Mitbestimmungsrechte. Reitzle hatte stets betont, es entstünden mit dem Zusammenschluss neue Arbeitsplätze.

Linde zu höheren Auflagen der US-Behörden

Mitteilung EU-Kommission

Ad hoc Mitteilung von Mittwoch

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