Hochschulsponsoring 20 Lidl-Professoren für den Campus Heilbronn

Blick auf das Campusgelände in Heilbronn.
Blick auf das Campusgelände in Heilbronn. © Foto: Bildungscampus Dieter Schwarz Stiftung
Heilbronn/München / Patrick Guyton 29.12.2017
Dieter Schwarz spendiert der TU München 20 Professuren. Der Großteil wird auf seinem „Bildungscampus Heilbronn“ angesiedelt.

Glückliches Heilbronn? Regelmäßig rangiert die Stadt in den Statistiken als der Ort mit den reichsten Bewohnern Deutschlands, bei 35 663 € jährlich liegt das durchschnittliche verfügbare Einkommen pro Person – im Schnitt. Damit ist es höher als in den Reichen-Zentren Starnberg oder dem Hochtaunuskreis. Der Grund: der Verdienst des Multi-Milliardärs Dieter Schwarz, Besitzer von Lidl und Kaufland. Er wird als einer der reichsten oder gar der reichste Deutsche benannt. Ein Einzelner mit seinem geschätzten Vermögen von 37Mrd. € treibt den statistischen Wert an die Spitze. 

Glückliches Heilbronn? In der Neckar-Stadt, 50 Kilometer nördlich von Stuttgart gelegen, wird enorm in Bildung investiert. Rasch wächst der erst 2011 errichtete „Bildungscampus Heilbronn“. Derzeit gibt es dort, am Rand der Innenstadt, 3800 Studierende. 2020 sollen es 10.000 sein, sagt Stefanie Geiges, Sprecherin der Dieter-Schwarz-Stiftung, die den Campus betreibt. Der Grund: Dieter Schwarz und sein Engagement in der Stiftung, der er sein Vermögen überschrieben hat.

Äußerst großzügig

Glückliches Heilbronn? Die Technische Universität München (TUM) errichtet satte 20 Stiftungs-Professuren im Fach Wirtschaftswissenschaften auf einen Schlag, äußerst großzügig ausgestattet. 13 davon kommen nach Heilbronn auf den Bildungscampus – also nach Baden-Württemberg, nicht nach Bayern. Der Grund: Dieter Schwarz und seine Liebe zu seiner Geburtsstadt.

Die Nachricht, dass die Zusammenarbeit der TUM mit der Stiftung des Lidl-Besitzers unterschrieben wurde, hat für Aufsehen gesorgt. Denn eine Stifter-Tätigkeit in dieser Dimension und mit so viel Geld gab es in Deutschland bisher nicht. Die 20 Professoren werden nicht nur, wie sonst üblich, für fünf oder sechs Jahre finanziert. Sondern, wie der TU-Sprecher Ulrich Marsch im Gespräch mit der „Taz“ sagt, „im Extremfall das ganze Berufsleben lang“. Startet ein Professor mit 30 Jahren, dann wären das bis zur Pensionierung mit 68 insgesamt 38 Berufsjahre – „voll finanziert inklusive der Pensionsrückstellungen“, so Marsch.

Wenn so viel Geld von der Wirtschaft – und ausgerechnet von einem umstrittenen Discounter wie Lidl – mit gemeinnützigem Zweck in eine Universität gesteckt wird, so wirft das Fragen auf, es macht misstrauisch. Soll für eine Leistung eine Gegenleistung erkauft werden und wenn ja, welche? Das ist das grundsätzliche Spannungsfeld von Stiftungsprofessuren und Drittmittel-Zuwendungen durch die Wirtschaft an die Wissenschaft.

„Je nach Fluss des Geldes werden so die Forschungsagenden festgelegt“, kritisiert der Wirtschafts-Professor Christian Kreiß von der Hochschule Aalen. Er ist ein akademisch Lehrender, der davon erzählt, dass ihm einmal eine Stiftungs-Professur angetragen worden sei – und er diese abgelehnt habe. Er wollte seine Arbeit und sein Gehalt nicht in Verbindung mit einem Sponsoren bringen. „Die Geldaristokratie darf die Forschung nicht bestimmen.“

Zum Fall TUM und Dieter Schwarz meint Kreiß: „Dort bewirbt sich doch nur, wer Lidl-affin ist.“ Denn wer würde schon ein Prof. Lidl werden wollen, wenn er kritische Fragen an die Discounter hat? So verfestige sich „neoliberale Mainstream-Forschung“, Wissenschaftler würden zu „dressierten Industrieäffchen und Lakaien“ gemacht. Probleme, die etwa durch die zentral und straff durchorganisierten Billig-Läden verursacht werden – ungesunde Ernährung, Förderung von Massentierhaltung, das Sterben des lokalen Handels – bearbeiteten solche Professoren sicherlich nicht. Eine kritisch denkende Ökonomie werde so immer weiter an den Rand gedrängt.

Laut dem „Eckpunktepapier“ zwischen der TUM und der Dieter-Schwarz-Stiftung sind für die Stiftungs-Professuren die Schwerpunkte „Management Digitaler Technologien, Entrepreneurship und Familienunternehmen“ festgelegt. In Zeiten der Globalisierung ein wichtiger, zukunftsträchtiger Bereich, meint TUM-Sprecher Marsch. Auf die Besetzung der Professuren habe die Stiftung keinen Einfluss, ebenso wenig auf die Inhalte der wissenschaftlichen Arbeit: „Unsere Leute lassen sich nicht reinreden, über was sie forschen sollen und über was nicht.“

Diese Grundsätze hat die TUM schriftlich in einem Kodex festgelegt. In jedem Fall würden die Wirtschaftswissenschaftler der Uni relevante Themen angehen – „das machen wir mit oder ohne BMW, Lidl oder Evonik. Die Themen gibt es sowieso.“ Außerdem fragt der Sprecher: „Was sollen wir denn  zugunsten eines Lidl-Besitzers erforschen?“

Drittmittel wichtig für Unis

So genannte Drittmittel sind eine wichtige Finanzierungsquelle für Hochschulen und die Wissenschaft. Dabei handelt es sich um Geld von der Wirtschaft oder von öffentlichen Organisationen wie dem Bund, der EU oder einzelner Bundesländer. Laut Statistischem Bundesamt liegt der Anteil des drittmittelfinanzierten wissenschaftlichen Personals bei 26 Prozent, die übrigen 74 Prozent werden aus den regulären Haushalten der Hochschulen bezahlt.

Die Lidl-Stiftung und die Uni schweigen über Geld. Hochgerechnet ergeben sich aber für die 20 Professuren Kosten von mehr als 100 Mio. €, möglicherweise bis zu 200 Mio. €. Die TUM hat plötzlich nicht mehr 34, sondern 54 Professuren für Wirtschaftswissenschaft. „Gerade werden auf dem Campus sechs neue Gebäude für uns errichtet“, sagt Sprecher Marsch. Der Zeitplan ist ehrgeizig: „Im kommenden Wintersemester 2018/19 wollen wir loslegen.“ Zunächst mit 1.000 Studenten, später mehr. Die TUM hat dann einen Ableger im „Campus Heilbronn“.

„Bildung ist unser wichtigster Rohstoff“ lautet das Hauptmotto der Stiftung. Andreas Keller, Vize-Vorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW, kritisiert: „Eine Stiftung ist ein Steuersparmodell für Unternehmen.“ Der saubere Weg besteht für ihn darin, dass Unternehmen ihre normalen Steuern bezahlen und der Staat so mehr Geld erhält, um die Forschung zu unterstützen.

Unbekannte Größe

Dieter Schwarz, 78 Jahre alt, ist eine riesige und nahezu unbekannte Größe im Wirtschaftsleben. Nur zwei Fotos von ihm sind bekannt, in der Öffentlichkeit zeigt er sich nicht, Interviews gibt er nicht. Man weiß, dass er 1999 aus der Unternehmensleitung ausgeschieden ist und sein Geld der Stiftung vermacht hat. So unerkannt er bleiben möchte, so groß ist doch der Drang, in Heilbronn mit seinem Namen ein ganz Großer zu sein. pat

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