Sprachassistenten Lauschende Wunschbox

Ulm / Thomas Veitinger 06.05.2017

Einen Wunsch nur aussprechen – und schon wird er erfüllt. Diesem Traum kam ein Mädchen in den USA sehr nahe. Sie wünschte sich ein Puppenhaus und wenig später erhielt ihre Mutter tatsächlich die Mitteilung, dass ein Puppenhaus auf dem Weg sei. Ein Wunder? Nein, vermutlich hat das Kind nur die Worte „Alexa, kauf ein Puppenhaus“ ausgesprochen: In der Wohnung lauschte Amazons sprachgesteuertes Gerät „Echo“ auf Sprachbefehle. Die Worte „Alexa“ und „kaufe“ aktiviert die digitale Sprachassistentin Alexa, die selbstständig ein Puppenhaus bei dem Online-Versender ordert.

Dieser Vorfall könnte als lustiger Kollateralschaden in die Geschichte der Digitalisierung eingehen und vergessen werden – dürfte er künftig nicht öfter Wirklichkeit werden. Digitale Sprachassistenten haben „das Potenzial, die Haushalte zu erobern und den Alltag in den eigenen vier Wänden zu vereinfachen“, sagt Timm Lutter. „Erste Hersteller haben ihre Geräte schon auf den Markt gebracht, weitere folgen in Kürze“, weiß der Experte für Digitale Medien beim IT-Branchenverband Bitkom. Der Markt für Lautsprecher mit virtuellen Assistenten soll von 336 Mio. € 2010 auf knapp 2 Mrd. € 2020 steigen. Echo ist für Amazon seit seiner Einführung 2014 ein großer Erfolg und viele Millionen Mal verkauft worden. Der Wunscherfüller in Chipsdosengröße mit seinen sieben Mikrofonen ist auch in Deutschland zu haben.

„Digitale Sprachassistenten erlauben es, von überall im Raum freihändig per Zuruf Befehle geben und Fragen stellen zu können“, berichtet Lutter. Speziell gesteuertes Licht wird so auf Zuruf an- und angeknipst oder gedimmt. Die Heizung lässt sich regulieren und das Heimkino steuern. Sprachassistentin Alexa – die ihren Namen von der bedeutendsten antiken Bibliothek in  Alexandria hat – spielt auf Wunsch Musik von Bon Iver ab, beantwortet Fragen nach der Verkehrslage und dem Alter von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ein IT-Spezialist hat es in den USA sogar geschafft, dass sie auf seinen Zuruf das E-Auto von Tesla selbstständig aus der Garage rollt.

Sprachsteuerung an sich ist nichts Neues. Seit den 50er Jahren experimentieren Computerspezialisten damit herum. Allerdings nicht immer erfolgreich, dafür aber oft mit lustigen Ergebnissen. Noch heute verzweifeln viele Nutzer beim Diktieren von Handy-Nachrichten oder der mündlichen Programmierung ihres Navis.

Doch in jüngster Zeit kommt die Technik voran. Ein Grund: Das Gesagte wird nicht im Gerät selbst, sondern in Rechenzentren oder in Datenwolken analysiert. Amazon-Chef Jeff Bezos wünscht sich eine Beantwortung innerhalb einer Sekunde. Auch wenn dies nicht ganz erreicht wird, ist die Reaktionszeit mittlerweile erstaunlich schnell und das Ergebnis oft passabel.

Sprachassistenten funktionieren so gut, dass sich viele Menschen nun Sorgen um den Datenschutz machen. Knapp drei Viertel der Bundesbürger, die Sprachassistenten ablehnen, möchten vor allem keine Daten an Unternehmen liefern, ergab eine Bitkom-Umfrage.

Echo findet auch im Schlafzimmer seinen Einsatz, öffnet Jalousien und bedient den Fernseher gegenüber des Bettes. Eine Nutzerin findet Alexa nach wochenlangem Gebrauch sogar „gruselig“: „Meine E-Mails will ich von Alexa nicht vorlesen lassen.“ Die Bundesbeauftrage für Datenschutz Andrea Voßhoff steht Assistenten allgemein skeptisch gegenüber. Es sei für Nutzer nicht ausreichend nachvollziehbar, „wo, in welchem Umfang und wie die erfassten Informationen verarbeitet werden“. Ebensowenig, für wie lange die Daten gespeichert würden. Fast harmlos klingt dagegen, dass laut einer Amazon-Ankündigung Alexa künftig per Kamera Beratung in Modefragen wagt. Fotos sollen über die so genannte Style-Check-Funktion das Outfit bewerten.

Lutter sieht dies weniger kritisch. „Die Geräte nehmen nur Sprache auf und senden sie zum Server des Anbieters, wenn das entsprechende Aktivierungswort genannt wird. Die Datenübertragung wird auch optisch durch Lichter signalisiert.“

Aber es droht noch anderes Ungemach. So hat die Bulettenbraterei Burger King in einem Werbespot die Worte eingebaut „Ok Google, was ist der Whopper?“, worauf in den Wohnzimmern der Fernsehzuschauer die Google-Assistenten anfingen, einen Lexikon-Eintrag über Whopper vorzulesen.

Langfristig werden wir um digitale Assistenten aber wohl nicht herumkommen. Neben Amazon und Google arbeiten derzeit Samsung, Apple, Facebook, Microsoft und unzählige Klein-Unternehmen an Lösungen. Selbst die Sprachsteuerung von Autos wird erprobt – mit hoffentlich gutem Ergebnis.

„Gehört zu den Dingen, die ich nicht weiß“

Alexa ist relativ einfach zu installieren, am besten über eine Handy-App. Nötig ist ein Zugang zum heimischen Wlan. Ein leuchtender Ring zeigt, ob sie eine Verbindung hat. Alexa lauscht ständig in den Raum und aktiviert sich bei einem (veränderbaren) Signalwort – lässt sich aber auch komplett ausschalten. Komplex dürfen die Fragen allerdings nicht sein. Fragen zum Zeitpunkt der kommenden Bundestagswahl, dem Außenhandelsüberschuss und der Parteizugehörigkeit von Angela Merkel beantwortete sie mit „Ich kann die Antwort auf deine Frage nicht finden“ oder „Das gehört zu den Dingen, die ich nicht weiß“. vt

Steuerung im Haus ist wichtig
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