Rente Länger arbeiten für die Rente

Im Rentenalter will jeder gut abgesichert sein. Doch wie soll das angesichts des demografischen Wandels künftig garantiert sein?
Im Rentenalter will jeder gut abgesichert sein. Doch wie soll das angesichts des demografischen Wandels künftig garantiert sein? © Foto: dpa
Berlin / DIETER KELLER 30.09.2016
Ohne Eingriffe droht langfristig eine Explosion der Beiträge zur Sozialversicherung in Deutschland. Experten empfehlen daher eine längere Lebensarbeitszeit.

Bis 2040 drohen die Beiträge zur Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung auf 54 Prozent zu steigen. Dabei ist eigentlich das Ziel der Bundesregierung, die Gesamtbelastung unter 40 Prozent zu halten. Daher schlägt der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium Alarm: Die Sozialversicherung ist nicht nachhaltig finanziert.

Die Analyse der Professoren kann ihrem Auftraggeber, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, nicht gefallen: Überlegungen in der SPD und Forderungen der Gewerkschaften, das Rentenniveau nicht weiter abzusenken oder gar zu erhöhen, hält der Rentenexperte Axel Börsch-Supan vom Münchner Max-Plant-Institut für Sozialpolitik für eine „teure Dummheit“.

Es ist Zufall, dass aus dem Arbeitsministerium am Tag zuvor erstmals Zahlen bekannt wurden, wie sich die gesetzliche Rentenversicherung bis 2045 entwickelt: Nach dem bestehenden Recht sinkt das Rentenniveau von derzeit 47,8 Prozent auf 41,6 Prozent. Gleichzeitig steigt der Beitragssatz von aktuell 18,7 Prozent auf 23,4 Prozent. Der Wissenschaftliche Beirat, der bis 2040 gerechnet hat, kommt auf ähnliche Zahlen.

Er hat auch die anderen Zweige der Sozialversicherung unter die Lupe genommen. Dort ist die Entwicklung noch dramatischer: Der Beitragssatz der gesetzlichen Krankenkassen droht von aktuell 15,7 auf 24,5 Prozent zu steigen, die Pflegeversicherung von 2,35 Prozent (Kinderlose 2,6 Prozent) auf 4 Prozent. Nur die Arbeitslosenversicherung könnte etwas sinken. In Summe klettern die Sozialbeiträge von 40 auf etwa 54 Prozent. Das würde Arbeitnehmer und Arbeitgeber überlasten sowie zu Arbeitsplatzverlagerungen führen, befürchtet Friedrich Breyer von der Uni Konstanz. Es müsse jetzt gegengesteuert werden, sonst seien scharfe Einschnitte bei den Leistungen erforderlich, die gefährlich für die Demokratie wären.

Das Gegenrezept de Wissenschaftler: Damit sich Beiträge und Rentenniveau nicht ganz so dramatisch entwickeln, sollen die Bürger länger arbeiten. Die Lebenserwartung steigt weiter und damit die Zeit des Rentenbezugs. Daher soll soll nach 2030 die Regelaltersgrenze weiter angehoben werden, und zwar nach einer festen Formel: Drei Jahre mehr Lebenserwartung bedeuten 2 Jahre länger im Beruf. Schweden geht schon so vor, und wie dort sollte das Rentenalter für 5 Jahre im Voraus festgelegt werden. Genaue Zahlen nennen die Experten ungern, weil ungewiss ist, wie sich die Lebenserwartung tatsächlich entwickelt. Steigt sie aber zwischen 2030 und 2045 um 3 Jahre, läge das Rentenalter am Ende bei 69 Jahren. Danach bezögen die Senioren immer noch im Schnitt 24 Jahre lang Rente, 4 Jahre länger als derzeit, versucht Börsch- Supan, Proteste zu besänftigen.

Gut ein Fünftel der Arbeitnehmer ist allerdings nicht gesund genug, um so lange arbeiten zu können. Ihnen wollen die Experten mit zielgenauen Maßnahmen helfen: Insbesondere für Jüngere schlagen sie großzügigere Erwerbsminderungsrenten vor. Für Langzeitarbeitslose sollen wieder Rentenbeiträge gezahlt werden, um Altersarmut zu vermeiden. Aus dem gleichen Grund sollen kleine Selbständige in die Rentenversicherung einbezahlen. Teure Maßnahmen mit der Gießkanne wären dagegen die geplante Lebensleistungsrente und ein höheres Rentenniveau.

Gabriel lehnte die Vorschläge ab: Sie berücksichtigten „die sozialen Härten, die mit einer generellen Ausweitung der Lebensarbeitszeit verbunden wären, nur teilweise“.

Problemfall Beamte

Teuer Bei den Beamtenpensionen sind die Aussichten eher noch dramatischer als bei den Renten: Die Ausgaben drohen bis 2040 um 26 Mrd. € im Jahr zu steigen. Derzeit sind dafür jährlich 54 Mrd. € erforderlich. Daher mahnen die Wissenschaftler an, alle Einschnitte bei den Renten deckungsgleich auch auf Beamte zu übertragen, was bisher nicht immer geschehen ist.

Haken Immer wieder wird gefordert, dass auch Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Das wäre im Prinzip machbar, aber letztlich zum Nachteil der anderen Beitragszahler: Beamte haben eine besonders hohe Lebenserwartung, kämen also die Rentenversicherung teuer. Zudem enthält ihre recht hohe Pension auch die Betriebsrente, betont Friedrich Breyer von der Universität Konstanz.

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