Es ist der Moment des Dieter  Zetsche. Wie einst Fußball-Trainer Franz Beckenbauer nach der gewonnen Weltmeisterschaft 1990 gedankenversunken über das Spielfeld schritt, schlendert der Daimler-Chef allein durch die Halle des Detroiter Westin Book Cadillac Hotels. Kurz zuvor hat sich noch ein Pulk von Journalisten aus vielen Ländern um ihn gedrängt. Fragen nach der präsentierten C-Klasse werden gestellt, Fotoblitze gehen auf ihn nieder. Nun betrachtet der Vorstandschef ohne Entourage still das Treiben am Rande der Autoshow. Daimler fährt 2011 aus einer tiefen Krise zurück ins Scheinwerferlicht. Zetsche hat es geschafft.

Jetzt erklimmt der heute 65-Jährige auch noch die allerletzte Stufe der Karriereleiter im Autokonzern. 2021 soll er Manfred Bischoff im Vorsitz des Aufsichtsrates ablösen, gab der Aufsichtsrat am Mittwoch bekannt. Der Wechsel vom Vorstands- zum Aufsichtsratsvorsitzenden ist in Deutschland nicht unumstritten. Als etwa Josef Ackermann diesen Schritt in der Deutschen Bank geht, ist die Empörung groß. Kann jemand kritisch die Unternehmenspolitik überwachen, die er selbst geprägt hat? Seit 2009 gibt es ein Gesetz, das den Wechsel des Vorstandsmitglieds eines Unternehmens in den Aufsichtsrat erst nach zwei Jahren erlaubt. Deshalb wird Zetsche von Mai 2019 pausieren. Zumindest theoretisch.

Zetsches Karriere

So richtig vorstellbar ist es nicht, dass der Car-Guy nach einem Leben voller Autos plötzlich auf dem Sofa Platz nimmt und auf den Tag 1 im Aufsichtsrat wartet. Seit 1976 arbeitet der  Diplomingenieur bei dem Stuttgarter Hersteller, anfangs im Forschungsbereich der damaligen Daimler-Benz AG. Von dort geht es über Stationen in Südamerika und USA, Positionen in Vertrieb und bei Lastwagen höher und höher. Einer größeren Öffentlichkeit wird Zetsche als Präsident von Chrysler bekannt. Die von seinem Vorgänger Jürgen Schrempp gepriesene „Hochzeit im Himmel“ zwischen Daimler und Chrysler endet in einer harten Scheidung und Milliardenverlusten. Zetsche hat die amerikanische Tochter in fünf Jahren aber zunächst hochgepäppelt und sich dadurch zu höchsten Führungsaufgaben empfohlen, bevor Chrysler abschmierte. Zetsche gibt sich unprätentiös, speist mit Arbeitern in der Kantine und persifliert sich in US-Werbespots als ulkiger deutscher  „Dr. Z.“ mit Schnurrbart und heftigem Akzent.

Man gibt sich unprätentiös

So mürrisch und genervt er in  Pressekonferenzen wirken kann und auch mal eine ausländische Journalistin für eine vermeintlich falsche Frage eiskalt abserviert, so humorvoll präsentiert er sich in internen Videos. In einer Videobotschaft wünscht er seinen Mitarbeiter frohe Weihnachten und ist ohne markanten Schnauzer kaum wiederzuerkennen – jedoch wurden die Barthaare nur digital entfernt. Auf sein überholt wirkendes Erkennungsmerkmal direkt angesprochen reagiert Zetsche aber wenig amüsiert.

Sein Engagement für Daimler ist riesig, aber es hat persönliche Grenzen. Weil Daimler bei Jüngeren anteilsmäßig weniger Käufer findet und sich die Generation Internet sowieso sportlich gibt, legt Zetsche die Krawatte ab und tritt als Chef des zweitgrößten deutschen Unternehmens mit 289.000 Mitarbeitern in Jeans und Sneakern auf.

Die Erneuerung des Konzerns

Sein wohl größter Verdienst ist aber die Erneuerung des Konzerns. Ganz freimütig lobt einmal Finanzchef Bodo Uebber den X1 von BMW. Ein Auto, das Daimler nicht bieten kann. BMW und Audi legen dagegen zu. Zetsche wirft das Ruder herum, erneuert das Modellangebot, setzt auf Mobilität statt reinem Auto-Fetisch, spart und setzt sich  auch auf dem chinesischen Markt durch.

Nach Jahren hinter dem Erzrivalen BMW kann Mercedes-Benz 2016 die Weltspitze im Verkauf von Premium-Autos zurückerobern und erzielt 2017 Rekordzahlen bei Absatz, Umsatz und Gewinn. Der Konzern wird umgebaut und soll durch eine Struktur mit drei rechtlich selbstständigen Einheiten unter einem Dach schlagfertiger werden.

Es bleiben auch Baustellen

Doch Zetsche hinterlässt auch Baustellen, wenn er sich im Frühjahr aus seinem Chefsessel erhebt. Da sind zum einen das Kartell-Verfahren und die Diesel-Krise, die längst nicht überstanden ist. Gegen ihn selbst wird ermittelt. Die Zahlen gehen zurück. Der Haupteigner des chinesischen Autokonzerns Geely hat knapp 10 Prozent an der Daimler AG übernommen – und immer noch ist unklar, was er damit vorhat. Zetsche selbst wird mehr Zeit für eines seiner Hobbys finden: Yoga.

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Abkühlphase dauert zwei Jahre


Was macht Dieter Zetsche in den zwei Jahren im „Abklingbecken“ denn so? Sein Vertrag endet 2019 und erst im Mai 2021 nimmt er auf dem Sessel des Aufsichtsratsvorsitzenden Platz. „Er sitzt im Aufsichtsrat bei Tui“, heißt es bei Daimler nur. Arbeit und Bezüge gebe es aus Untertürkheim keine in dieser Zeit. vt