"Es ist Zeit, dass sich aufrechte Demokraten wehren", animierte Joachim Rukwied (51) die Landwirte zum Protest. Der Präsident des Landesbauernverbands (LBV), in Personalunion auch Chef des Deutschen Bauernverbands, forderte gestern bei der Mitgliederversammlung in Fellbach seinen Berufsstand zur aktiven Korrektur ihres Images auf: "Wir müssen aufstehen und lauter werden."

Grund zum Protest gibt es nach Überzeugung Rukwieds genug. Nicht allein von Brüsseler Bürokraten erdachte Hürden und der Rotstift bei Agrarsubventionen bringen den Landwirt aus Eberstadt bei Heilbronn "auf die Palme". Er ärgere sich auch, dass Bauern bei der aktuellen Grundsatzdebatte "über einen gewissen Lebensstil" um ihre Existenz fürchten müssten. Wenn etwa gefordert werde, dass es in Deutschland keine Agrarexporte mehr geben dürfe, "würden wir unsere Zukunftschancen verlieren". Dabei sei die Landwirtschaft eine "Schlüsselbranche im 21. Jahrhundert".

Dem kämpferischen Doppel-Präsidenten aus dem Südwesten schwillt auch der Kamm, wenn er dieser Tage hören muss, dass die Bauern schuld am Hochwasser seien, weil sie mit ihren schweren Maschinen den Boden verdichteten. "Das ist potenzierter Schwachsinn, der auf Ideologien basiert", ereiferte sich Rukwied.

Der Bauernpräsident verwahrte sich auch gegen die Bevormundung bei der Ernährung, wenn etwa ein "Veggieday" eingeführt werden solle. Es ist für ihn "eine irrige Meinung" zu glauben, dass die Ökologie ohne die Ökonomie auskommen könne.

Er geißelte "Gutmenschen", deren Verlautbarungen in einem globalen Markt mit hartem Wettbewerb dazu führten, "dass wir unsere Positionen nicht halten können". Darin ist er sich einig mit Hauptgeschäftsführer Peter Kolb, der sich zudem "branchenfremde, selbst ernannte Spezialisten" zur Brust nahm, weil diese "zunehmend Einfluss auf die Entscheidungsträger" bekämen. Aber "Naturromantiker" dürften in der Agrarpolitik "nicht die Feder führen". Nur wer wirtschaftlich erfolgreich sei, "kann noch mehr für Umwelt und Tierschutz leisten". Rukwied brachte diese Überzeugung auf die knappe Formel: "Ohne Moos nix los."

Die Landwirte finden sich, nach den Worten Kolbs, nicht nur in einem "täglichen Überlebenskampf", sie müssen auch fürchten, dass ihr Verband wegen Nachwuchsmangels schwächelt. Deshalb wurde eigens eine Mitarbeiterin eingestellt, die sich gezielt um die Rekrutierung neuer Funktionäre kümmert. Junge Leute sollten "aktiv in den Gremien verankert" werden, erklärte Kolb.

Dazu müsse allerdings von altgedienten Standesvertretern der notwendige Platz geschaffen werden, auch wenn dies bei den Betroffenen keine große Begeisterung auslöse. "Wenn uns der Umschwung nicht alsbald gelingt, werden wir in 10 oder 15 Jahren große Probleme haben", sagte der Hauptgeschäftsführer über seine "allergrößte Sorge".

Der Kreisvorsitzende der Zukunft dürfte nicht mit "überzogenen Erwartungen" verprellt werden. Die abendliche Präsenz bei allen Sitzungen von Ortsvereinen wird nicht mehr als selbstverständlich angesehen, Frau und Kinder haben Vorrang. Kolb: "Ohne intakte Familie gibt es keine intakten Landwirtschaftsunternehmen."

Weil der Verband wegen des Sturkturwandels Mitglieder verliert, fehlen ihm Beiträge. Deshalb wird mit der Mediation (außergerichtliche Einigung) eine neue, als profitabel erachtete Dienstleistung angeboten. 8 von 650 LBV-Mitarbeitern wurden dafür ausgebildet. Kolb sieht in der Mediation "ein wachsendes Geschäftsfeld". Die zahlende Klientel glaubt er bei zerstrittenen Ehepaaren oder Kooperationspartnern zu finden: "Die Landwirtschaft ist weit davon entfernt, eine heile Welt zu sein."

Drittstärkster Verband