Vorsorge Keine Lust mehr auf Lebensversicherungen

Berlin / Dieter Keller 06.07.2018
Mit der Generali steigt erstmals ein großer Konzern aus dem Lebensversicherungsgeschäft aus. Das wirft viele Fragen auf.

Einige kleinere Versicherungsgruppen hatten sich schon in den vergangenen Monaten aus dem Lebensversicherungsgeschäft verabschiedet und die bestehenden Policen an andere Gesellschaften oder Abwicklungsplattformen verkauft. Jetzt kommt ein großer Schlag: Die italienische Generali-Gruppe verkauft ihre deutsche Lebens-Tochter mit rund 4 Mio. Verträgen. Nach Beitragseinnahmen ist sie der sechstgrößte deutsche Versicherer.

Was passiert genau? Die Viridium-Gruppe übernimmt 89,9 Prozent an der Generali Lebensversicherung AG. Die Generali-Mutter bleibt mit 10,1 Prozent beteiligt und bekommt bis zu 1,9 Mrd. €. Viridium ist ein Spezialist für das Fortführen von Lebensversicherungsbeständen, der dem Londoner Fonds Cinven und dem deutschen Rückversicherer Hannover Re gehört. Nicht betroffen sind die Aachen-Münchener, die Cosmos Direkt und die Dialog; diese Lebensversicherungs-Töchter behält Generali.

Was bedeutet das für die Kunden? Zunächst einmal gar nichts. Die Gesellschaft und ihre Verträge werden fortgeführt. Nur schließt sie keine neue Verträge ab. Sie wird weiter von der Finanzaufsicht Bafin kontrolliert. Sie legt weiter das Geld der Kunden an und muss Gewinne zum größten Teil an sie ausschütten.

Ist die neue Konstruktion von Vor- oder Nachteil? Das ist umstritten. Einerseits muss kein Vertrieb mehr unterhalten werden, was die Kosten senkt. Andererseits ist offen, wie erfolgreich Viridium bei den Kapitalanlagen ist. Peter Schwark vom Branchenverband GDV verweist darauf, dass sie auch selbst Interesse am Erfolg hat, weil sie bis zu 10 Prozent behalten darf. Dagegen befürchtet der Bund der Versicherten, dass künftig die Überschüsse noch spärlicher ausfallen.

Sollten die Kunden ihre Verträge kündigen? Wie bei anderen Verkäufen von Versicherungsbeständen haben sie kein Sonderkündigungsrecht. Eine normale Kündigung ist häufig ein Verlustgeschäft, weil der Kunde nicht alle Beiträge zurück bekommt. In den ersten Jahren sind die Kosten hoch, unter anderem wegen der Vertreterprovision. Zudem bieten alte Verträge eine garantierte Verzinsung von bis zu 4 Prozent, was sonst für Kapitalanlagen nicht zu bekommen ist. Allenfalls kann es sinnvoll sein, den Vertrag beitragsfrei zu stellen, also kein weiteres Geld einzuzahlen. In jedem Fall sollte man vorher einen neutralen Experten konsultieren, etwa bei der Verbraucherberatung.

Ist es überhaupt noch sinnvoll, eine neue Lebensversicherung abzuschließen? Das ist Ansichtssache. Anbieter wie der Marktführer Allianz sind erfolgreich mit neuen Vertragstypen, die keine garantierte Verzinsung mehr bieten, dafür aber unterm Strich eine höhere Ausschüttung versprechen. In jedem Fall kann sich der Kunde nicht sicher sein, wie viel er am Schluss mindestens herausbekommt.

Sollte man sich beim Ablauf des Vertrags das Geld voll auszahlen lassen oder eine lebenslange Rente vereinbaren? Entscheidet man sich für den zweiten Fall gibt es in jedem Fall jeden Monat Geld, egal wie alt man wird. „Länger zu leben, als das angesparte Geld reicht, ist eines der am meisten unterschätzten finanziellen Risiken“, warnt der Ulmer Finanzwissenschaftler Jochen Ruß. Eine 60jährige Frau wird im statistischen Durchschnitt 91,7 Jahre alt, ein gleich alter Mann 87,8 Jahre.

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