Stuttgart / GABRIEL BOCK UND DPA  Uhr
E-Mails in der freien Zeit zu beantworten, bringt Stress. Ärzte warnen vor den Folgen ständiger Erreichbarkeit. Immer mehr Unternehmen versuchen aber, das Problem in den Griff zu bekommen.

Stuttgart - Der Weihnachtsurlaub soll eine friedliche, erholsame Zeit sein. Nicht so bei Daniela Heinrich (Name geändert). Die leitende Angestellte in einem großen, internationalen Konzern ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in einer Kleinstadt. Und Heinrich hat ein Tablet-PC. Das ist ihr Problem.

Wenn die 39-Jährige nicht arbeitet, kümmert sich niemand um ihre E-Mails. Laut Arbeitsvertrag soll sie während ihres Urlaubs eine Abwesenheitsnotiz einrichten und die Mails später bearbeiten. "Wenn ich das aber mache, werde ich nach den Ferien von E-Mails erschlagen", sagt sie. Nach 14 Tagen Urlaub befinden sich fast 1000 Mails in ihrem Postfach. Um die abzuarbeiten, brauche sie insgesamt 25 Stunden.

Weil Heinrich keine Lust auf anschließende 14-stündige Arbeitstage hat, packt sie zwei Stunden pro Tag im Urlaub ihr Tablet aus - selbst an Heilig Abend. "Es ist schwierig danach abzuschalten und das Geschäftliche wieder auszublenden", erkennt sie selbst.

So wie Daniela geht es vielen Berufstätigen. Einer Studie der Initiative Gesundheit und Arbeit zufolge sind 81 Prozent der Arbeitnehmer nach Feierabend und im Urlaub für Geschäftliches zu erreichen; jeder Fünfte lässt sich darauf ein. Vor allem E-Mails auf mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets sorgen für eine permanente Verbindung zur Arbeitsstelle. Drei Viertel der Berufstätigen sind über die Feiertage erreichbar, meldet der IT-Branchenverband Bitkom.

Der Psychologe Prof. Harald Gündel, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Ulm, warnt vor Arbeitsbelastung im Urlaub. "Der Körper bekommt nicht genug Ruhe. Menschen brauchen aber unbedingt ausreichende Erholungsphasen. Bekommen sie diese nicht, verfallen sie in einen Zustand andauernden Streßes. Ein solcher Dauerstreßzustand kann zu Beschwerden führen. Das geht von Migräne bis hin zu ernsthaften Kreislauferkrankungen", sagt der Wissenschaftler. Auch Depressionen seien häufig die Folge von fehlenden Ruhephasen.

Dass diese arbeitsrechtlich bedenkliche Situation inzwischen auch Unternehmen aufschreckt, zeigt das Beispiel von Volkswagen. Der Autobauer schaltet die E-Mail-Konten seiner Mitarbeiter während des Urlaubs und nach Feierabend einfach ab.

Auch andere Unternehmen sind aktiv:

Daimler - Grundsätzlich erlaubt es Daimler (Stuttgart) den Mitarbeitern im Urlaub E-Mails abzurufen. Gerade aus der Pilotphase kommt der Abwesenheitsassistent, der auf Wunsch alle ankommenden Mails während des Urlaubs löscht und den Absender auf die Vertretung verweist.

Das Informationstechnologie-Unternehmen (Walldorf) setzt auf flexible Vertrauensarbeitszeit. "Es zählt weniger, ob die Mitarbeiter ihre Zeit absitzen, es zählt das Ergebnis.", sagt ein SAP-Sprecher. Eine Kontrolle der Arbeit findet nicht statt.

Stihl - Beim Kettensägenhersteller sind über Weihnachten Betriebsferien. Nur ein kleiner Teil der Belegschaft von Stihl (Waiblingen) hat die Möglichkeit seine betrieblichen E-Mails daheim zu lesen. Diese Mitarbeiter sind vom Unternehmen angehalten, während ihres Urlaubs keine Post zu beantworten.

Bosch - Weil beim Autozulieferer Bosch (Stuttgart) teilweise auch Maschinen über E-Mail kommunizieren, können die Mailserver nicht abgestellt werden. Da über die Feiertage gearbeitet wird, gebe es keine technische Lösung.

LBBW - "Grundsätzlich gilt bei uns Arbeitszeit als Arbeitszeit und Freizeit als Freizeit. Deshalb gibt es für die Mitarbeiter keine Verpflichtung, an den Festtagen den Posteingang im Auge zu behalten", sagt ein Sprecher der Stuttgarter Bank LBBW.

Telekom Bei der Telekom (Bonn) haben sich alle leitenden Angestellten verpflichtet, ihren Mitarbeitern nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub keine Mails hinterher zu schicken. "Wir wissen, was so eine Nachricht nach Feierabend für Mail-Kaskaden auslösen kann. Viele Dinge könnten genauso gut am nächsten Tag geklärt werden", sagt ein Telekom-Sprecher.

Siemens Für global arbeitende Unternehmen sei es oft schwierig, überhaupt Termine für Telefonkonferenzen zu finden, die nicht außerhalb der regulären Arbeitszeit liegen, sagen Experten. Der Industriekonzern Siemens verzichtet deshalb ganz auf besondere Regeln zu Mails nach Feierabend. "Im Rahmen des betrieblich Möglichen und der gesetzlichen Bestimmungen sollten Mitarbeiter selbst entscheiden können, wann sie moderne Arbeitsmedien nutzen und wann sie diese abschalten", heißt es aus dem Unternehmen.

Arbeitspsychologe Tim Hagemann von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld warnt vor starren Verboten. Vielen Arbeitnehmern erleichtere es das Familienleben, wenn sie auch nach Feierabend noch an ihre Mails kommen. "Dann werden erst die Kinder ins Bett gebracht, und dann können sich die Eltern noch einmal in Ruhe einem wichtigen Projekt widmen. Viele können vorher gar nicht richtig abschalten", meint Hagemann.