Frankfurt Kein Kaufrausch bei Zalando

Frankfurt / ROLF OBERTREIS 19.09.2014
Am 1. Oktober ist es soweit, dann wird der Berliner Internet-Händler Zalando für Bekleidung und Schuhe an der Börse notiert. Mit dem Kapital will Zalando zum Shoppen gehen, allerdings gezielt und dosiert.

Es sei ein "großer, logischer, aber auch wohl überlegter" Schritt. Rubin Ritter, Finanz-Vorstand des Online-Mode-Händlers Zalando zeigte sich gestern in Frankfurt überzeugt, dass der mit Spannung erwartete Börsengang des Unternehmens ein Erfolg wird. 18 bis 22,50 EUR sollen die Aktien von Zalando kosten, bis 29. September können interessierte Anleger das Papier über ihre Banken ordern.

Am 1. Oktober soll die Zalando-Aktie nur rund sechs Jahre nach der Gründung des Unternehmens das erste Mal an der Frankfurter Börse gehandelt werden. Aus dem Verkauf von bis zu rund 28 Mio. Aktien will das Unternehmen in der Spitze 633 Mio. EUR erlösen. Das Geld soll Ritter zufolge vor allem in neue Technologie investiert werden, aber auch in "gezielte Zukäufe". Konkrete Pläne gebe es. "Wir verfallen aber nicht in einen Kaufrausch."

Allerdings wird Zalando für den Börsengang mit einem hohen Unternehmenswert von 5,6 Mrd. EUR eingestuft. Basis dafür ist laut Christoph Stanger, Leiter des Europäischen Aktiengeschäftes der Investmentbank Goldman Sachs, die die Emission zusammen mit anderen Banken organisiert, etwa das zweifache des Umsatzes, der für Zalando bis 2015 erwartet wird. Dies sei ein in der Branche üblicher Multiplikator.

Finanzexperten halten die Bewertung freilich für durchaus üppig. "Da ist sicher sehr viel Hoffnung und Fantasie drin", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Ob sich Zalando tatsächlich so positiv entwickelt, sei völlig offen. Der Experte rät zum Abwarten. Die Aktie könne man schließlich auch nach dem Börsengang jederzeit kaufen. Investoren sind aber zuversichtlich. Vorbörslich wird die Zalando-Aktie mit Kursen zwischen 21 und 22,50 EUR eingestuft.

Zalando hat sich für den bislang größten Börsengang in Deutschland in diesem Jahr des vollen Rückhalts seiner Großaktionäre versichert. Die schwedische Investorengruppe Kinnevik sowie die Internet-Unternehmer Alexander, Marc und Oliver Samwer werden ihre Aktien behalten, so dass es sich um eine reine Kapitalerhöhung handelt. Zudem hat sich Zalando bereits vorab die Zusage von Großinvestoren aus Schottland, der Karibik und dem arabischen Raum gesichert, dass sie Aktien für 126,5 Mio. EUR kaufen werden. Auch die 7000 Zalando-Mitarbeiter werden beteiligt. Sie erhalten kostenfrei Aktien im Wert von 180 EUR und im Wert von weiteren 720 EUR mit einem Nachlass von 25 Prozent. Nach dem Börsengang werden gut 11 Prozent der Zalando-Aktien breit gestreut sein.

Ritter versicherte, dass Zalando auch mit dem neuen Geld sorgsam umgehen werde. "Wir wollen unser langfristiges Wachstum finanzieren. Wir denken mehr in Dekaden als in Quartalen." Das Berliner Unternehmen beschäftigt 7000 Mitarbeiter. Im ersten Halbjahr 2014 kletterte der Umsatz um weitere 29 Prozent auf gut 1 Mrd. EUR. Erstmals verbuchte Zalando mit 200.000 EUR auch einen Netto-Gewinn.

Auf eine Dividende müssen die künftigen Aktionäre des Berliner Unternehmens noch warten. Man wolle zwar weiter wachsen und das profitabel. Aber vorerst liege der Fokus auf dem Aufbau des Geschäftes, sagt Ritter. "Irgendwann" werde man dann auch über eine Ausschüttung an die Aktionäre nachdenken.

Ähnlich viel wert wie die Lufthansa

Unternehmenswert Zalando wurde 2008 gegründet. Vorbild war der US-Versandhändler Zappos. Mit einer Marktkapitalisierung von bis zu 5,6 Mrd. Euro wäre Zalando beim Börsengang ähnlich viel wert wie die Dax-Unternehmen Lufthansa, K+S oder Lanxess. Im M-Dax-Index der mittelgroßen Unternehmen würde Zalando wiederum etwa im Mittelfeld liegen. Der Unternehmenswert ergibt sich aus dem maximalen Ausgabepreis der Aktien. Zum Vergleich: Die wertvollsten börsennotierten deutschen Konzerne sind derzeit Bayer, Siemens und Volkswagen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 80 Mrd. Euro.

Der weltgrößte Online-Händler Amazon aus den USA kommt auf eine Marktkapitalisierung von rund 150 Mrd. Dollar (116 Mrd. Euro).

Ein Kommentar von Rolf Obertreis: Abwarten kann sich lohnen

Schrei vor Glück oder schick's zurück - mit diesem Motto ködert der Berliner Online-Modehändler Zalando seit Jahren Käuferinnen und Käufer. Mit großem Erfolg. Jetzt haben die Jung-Manager aus der Hauptstadt eine andere Klientel im Auge: Große und auch kleine Privatanleger. Sie sollen die Zalando-Aktie kaufen und damit dem Unternehmen Millionen in die Kasse spülen. Ob da das Motto "Schrei vor Glück" auch passt, muss sich zeigen.

Wer gekauft hat, kann das Papier nicht einfach kostenfrei zurückschicken wie Schuhe, Rock oder Hose. Ein erweitertes Motto "Schrei vor Glück und bei Kursflaute Geld zurück" gilt in diesem Falle nicht. Tatsächlich wird Zalando mit Zeichnungskursen für die Aktie von 18 bis 22,50 Euro und dem damit verbunden Unternehmenswert von 5,6 Mrd. Euro ambitioniert eingestuft.

Damit wird der Online-Händler höher bewertet als der Flughafenbetreiber Fraport oder das Chemieunternehmen Lanxess und fast so hoch wie Lufthansa. Von Fantasie und einem Hoffnungswert sprechen Anlegerschützer. Gleich auf den Börsenzug aufspringen muss niemand. Auch in anderen Fällen - etwa bei Facebook - hat sich Abwarten gelohnt. Nach dem Börsengang ging die Aktie auf Talfahrt und war dann günstig zu haben.