Bisingen Kein einfacher Führungswechsel

Dieter C. Kress an seinem Lieblingsplatz im Unternehmen: Hier werden die verschiedenen Elektrowerkzeuge getestet. Der Chef zeigt, wie der neue Bohrhammer, für den es einen Innovationspreis gab, funktioniert. Foto: Carola Lenski
Dieter C. Kress an seinem Lieblingsplatz im Unternehmen: Hier werden die verschiedenen Elektrowerkzeuge getestet. Der Chef zeigt, wie der neue Bohrhammer, für den es einen Innovationspreis gab, funktioniert. Foto: Carola Lenski
Bisingen / JOANNA STOLAREK 23.06.2012
Elektrowerkzeuge rund ums Bohren, Schrauben, Schleifen und Hämmern - das ist die Welt von Dieter C. Kress. Er führt das gleichnamige Familienunternehmen in Bisingen. Mit Leidenschaft und mit sanfter Hand.

Dieter C. Kress wusste schon früh, was er mal werden wollte. Chef in der Firma seines Vaters - das war sein großer Traum. Als kleiner Junge flitzte er mit seinem Dreirad durch die Produktionshallen in Bisingen bei Hechingen und malte sich aus, wie es wohl sein wird, wenn er dort das Sagen hat. Die Mitarbeiter mochten den kleinen Jungen und versteckten ihn manchmal gar vor dem strengen Vater, dem es nicht gefiel, dass sich sein Sprössling in der Nähe der Machinen aufhält.

Bis Dieter C. Kress tatsächlich das Familienunternehmen, das Elektrowerkzeuge wie etwa Bohrmaschinen für Heim- und Handwerker produziert, übernehmen konnte, vergingen Jahre. Und die Nachfolge klappte nicht gleich.

"Mein Vater war eine sehr starke und dominante Persönlichkeit", sagt Dieter Kress. "Ein Firmenpatriarch vom alten Schlag." Da war reichlich Stoff für Konflikte programmiert. Der Sohn hatte es vielleicht deshalb nicht ganz so eilig, in die Firma einzutreten. Nach einer Banklehre studierte er Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe, arbeitete ein Jahr bei einer Firma in Liechtenstein und wollte von dort aus eigentlich in die USA.

Just zu diesem Zeitpunkt kündigte der Vertriebsleiter. "Es war der Zeitpunkt, an dem ich mich fragen musste, ob ich in die Firma nun einsteigen soll. Der Bereich Vertrieb passte zu mir", erinnert sich Dieter Kress. "Mein Vater versprach mir zudem, sich in fünf Jahren aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen."

Dieter Kress hat nie mit seinem Erbe - Nachfolger des mittelständischen Unternehmens zu werden - gehadert. Es war für ihn grundsätzlich klar, nur der Zeitpunkt nicht. Er wollte das Werk seines Großvaters und Vaters weiterführen. Als Unternehmer und als ein Chef zum Anfassen. Keine autoritäre Leitfigur, wie sein Vater. "Ich führe lieber im Team", sagt der Oldtimer-Fan. "Und gebe den Mitarbeitern Ziele vor, die wir dann gemeinsam erreichen." Die Belegschaft schätzt ihren Chef und seine offene Art. Auch die Mitarbeiter mussten umdenken. Plötzlich zählte ihre Meinung. Sie wurde nicht vorgegeben, wie es oft beim Seniorchef war.

Respekt und Stolz sprechen aus dem Unternehmer, wenn er über seine Vorfahren und Firmengründer berichtet. Sein Großvater, Christian Kress, ein schwäbischer Tüftler und Handwerker setzte im richtigen Moment auf den Bau der Motoren. 1928 gründete er die Firma Kress in Tübingen-Lustnau. Er feilte an seinen Entwicklungen, nebenher erfand er andere nützliche Dinge, wie etwa das Augenmagnet. Bis heute verwenden es Augenärzte, wenn ein Metallsplitter aus dem Auge entfernt wird.

"Mein Großvater war mehr Tüftler als Unternehmer", sagt der Enkel mit einem Schmunzeln. Anders sein Sohn Willy, der Vater von Dieter Kress. Er übernahm die Firma in den 50er Jahren: "Wenn ich etwas baue, muss ich es auch verkaufen", war seine Philosophie. Er fuhr also mit seinem VW-Bus von einer Firma zur anderen und präsentierte seine Produkte. Bald lieferte Kress Waschmaschinenmotoren nach Tübingen.

"Mein Vater wollte aber ein eigenes Produkt schaffen", sagt Kress. "Nicht nur andere mit Teilen beliefern." So entstand die Bohrmaschine für den Heimgebrauch, damals noch eher eine Seltenheit. Von den Großen der Branche wurde er anfangs belächelt. Dann erkannte er seine Chance und setzte auf die Heimwerkerwelle, die aus den USA nach Deutschland kam. Die Bohrmaschinen wurden über Versandhäuser unter deren eigenen Marken vertrieben. Erst später kam die Kress-Bohrmaschine mit dem prägnanten roten Schriftzug in die Baumärkte.

Als Dieter Kress 1991 in das Unternehmen einstieg, kriselte es in der Branche. Die Konkurrenz aus Asien drückte die Preise. Der Junior, der die Produktionsabläufe in der Firma nach seinen vielen Ferienjobs kannte, sah die Krise als Chance, seine "eigenen Fußstapfen zu machen", wie er sagt. "Ich wollte nie in diejenigen meines Vaters treten. Bei allem Respekt vor seiner Leistung."

1998 übernahm der heute 48-Jährige die Geschäftsführung in der Familienfirma, nachdem der Seniorchef verkündet hatte, sich zurückzuziehen. "Das tat er aber nicht wirklich", erinnert sich sein Sohn. "Es war keine einfache Zeit." Der junge Chef war voller Ideen und wurde ungeduldig. Irgendwann stellte er ein Ultimatum: "Entweder gehst du oder ich muss die Firma verlassen."

Der Vater verstand und zog sich zurück, betreute von zu Hause aus den Bereich Technik. Der Juniorchef änderte die Strategie und setzte zunehmend auf den Profi-Handwerkermarkt - was die Werkzeuge angeht und den Vertrieb. "Ich wollte das Familienunternehmen auf alle Fälle als selbständige Firma erhalten", sagt er. Und dachte dabei auch an seinen 2008 verstorbenen Vater, der ein Uhrenfan war: "Kress sollte wie eine Rolex sein. Und eine Rolex kann man eben nicht im Supermarkt kaufen. Wir sind also weg aus den Baumärkten, hin zum Fachhandel."

Die Rechnung ging auf, sagt der leidenschaftliche Pilot, der gerne zu Geschäftsterminen mit seinem eigenen Kleinflugzeug einfliegt. Die neueste Entwicklung brachte der Firma den Plus-X-Award, einen Preis für das beste Innovationsprodukt: ein Profibohrhammer, der sowohl mit Akku als auch im Netzbetrieb funktioniert. "Ein Quantensprung im Elektrowerkzeug-Bereich", freut sich der zweifache Familienvater.

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