Nahrung Kampf der Verschwendung: 550.000 Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll

Köln / CAROLINE STRANG 21.05.2014
550 000 Tonnen Lebensmittel landen bei deutschen Einzelhändlern jährlich im Müll, in Privathaushalten sind es 82 Kilogramm pro Person. Mehrere Initiativen sagen den Müllbergen aus Essen den Kampf an.

Der Erdbeer-Joghurt ist noch vier Tage haltbar - und kümmert im Kühlregal zwischen seinen frischeren Artgenossen vor sich in. Bisher werden diese Sorgenkinder vom Einzelhandel meist weggeworfen - pro Jahr 550 000 Tonnen Lebensmittel. Die großen Handelsketten machen damit Verluste von rund 250 Mio. EUR im Jahr, sagt Christoph Müller-Dechent. Er will das ändern und hat dafür sein Studium unterbrochen, um die Welt ein klein wenig zu retten - mit einer Idee, die schon mehrere Preise gewonnen hat. Food Loop, eine Internetplattform mit angebundener App, soll den Müll der Märkte um die Hälfte reduzieren.

Wie das funktioniert? Die Supermärkte geben morgens bekannt, was sie im Laufe des Tages wegen bald ablaufenden Mindesthaltbarkeitsdatums reduzieren. Die Kunden erfahren über ihr Smartphone, was in den für sie erreichbaren Supermärkten reduziert ist. Eine Idee, die durchaus Anklang findet. "Wir stehen mit allen Supermarktketten aktiv in Verhandlung, die sind uns gut gesonnen", sagt Müller-Dechent. Ende Mai wird ein Testlauf in Bio-Supermarktfilialen starten. Die Idee habe an Fahrt gewonnen, ist der Gründer sicher.

Eher skeptisch dagegen beurteilt Nina Langen, Agrarökonomin am Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität Bonn, das Vorhaben. Sie stellt die Frage nach der Wertschätzung: Mit der Reduzierung werde signalisiert, dass ein Lebensmittel, das kurz vor Ablauf ist, weniger wert sei. " Eigentlich sollte der Konsument wissen, dass ein Produkt gegessen werden kann, solange es nicht schlecht ist." Sie zweifelt am Effekt: "Solange sich das Bestellverhalten des Einzelhandels nicht ändert, wird die Menge an Müll nicht reduziert."

Ein anderes Problem fasst die Initiative Foodsharing ins Auge: Die Lebensmittel, die zwar zum Kunden gelangen, dann aber nach einer gewissen, Lagerzeit, im Müll landen. Teilen statt wegwerfen, lautet die Devise. Wer in den Urlaub fährt und den Kühlschrank noch voll hat oder wer als Single eine zu große Menge gekauft hat, kann das im Internet bekanntgeben. Andere Nutzer können sich dann den Essenskorb abholen - kostenlos. Oder gleich zum gemeinsamen Kochen vorbeikommen.

Allerdings hapert es noch an der Beteiligung. Stand in Ulm Ende April: ein Eintrag mit 100 ml Zuckercoleur von Anfang März. Viele andere Städte sind gar nicht vertreten. Nina Langen hält den Effekt dieser Initiative im Verhältnis zum Aufwand für eher gering. "Aber diese Aktionen generieren Aufmerksamkeit und bewirken so auch etwas." Für Langen ist auch nicht der Konsument die entschiedenste Stellschraube im Kampf gegen Lebensmittelmüll, denn eine komplette Verhaltensänderung sei schwierig. Wichtig sei, die ganze Wertschöpfungskette vom Bauern und Produzenten bis zum Konsumenten in die Pflicht zu nehmen.

Das Ziel beider Projekte: Weniger Lebensmittel landen im Müll. Was jedoch unverändert in den Abfalleimer wandert, ist die Verpackung unseres Essens. Vier Millionen Tonnen werden jährlich in Deutschland eingesammelt, pro Tag landen laut WWF 8 Mio. Müllteile in den Meeren. Die Verpackungen haben absurde Formen angenommen: Plastikhauben über der Gurke, viel Raum für Werbung, wenig für Inhalt. Manchen Menschen nervt das so, dass sie nicht mehr mitmachen wollen.

In Berlin wollen Sara Wolf und Milena Glimbovski bald einen Supermarkt eröffnen, der ohne Verpackung auskommt. Müsli, Nudeln und Reis gibt es in großen Behältern, abgefüllt wird in mitgebrachte Dosen, Gläser oder in Leih-Schüsseln. Obst und Gemüse wird wie auf dem Markt gänzlich unverhüllt angeboten. Es gibt dafür auch ein Fachwort: Precycling. Verpackungsmüll vermeiden, statt nach Gebrauch wiederzuverwerten.

Das Startkapital haben die Gründerinnen von "Original Unverpackt" bereits zusammen. In Wien gibt es ein Geschäft, das dieses Modell bereits erfolgreich umsetzt, in den USA, genauer in Austin/Texas, ebenfalls. Ein Laden in London allerdings musste vor kurzem schließen. Agrarökonomin Langen hat Zweifel daran, ob die Waren ohne Verpackungen angenommen werden - schließlich sorge Verpackung für Hygiene und schütze die Lebensmittel. Außerdem werden zu einem großen Teil unverpackte Lebensmittel weggeworfen wie Brot und Gemüse - und das bekomme man bereits unverpackt auf dem Markt. Sie ist aber sicher: "Jedes dieser Projekte ist als Denkanstoß wichtig und schön. Die Initiativen zeigen auf, dass es Alternativen zum Mainstream gibt." Sie seien aber den Beweis noch schuldig, ob sie wirklich dazu beitragen, Lebensmittelabfälle zu reduzieren.

Immerhin tut sich allmählich auch was in der Politik: Die EU-Agrarminister denken darüber nach, Haltbarkeitsfristen für bestimmte Lebensmittel abzuschaffen. "Wir möchten beginnen mit Produkten, die man wirklich lange zu Hause haben kann, wie Nudeln, Reis oder Kaffee", sagte die niederländische Agrarministerin Sharon Dijksma. Es sei wichtig, dass in der Bevölkerung mehr Bewusstsein für einen besseren Umgang mit Lebensmittel entstehe.

 

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