Harsche Töne kommen aus den USA, seit Donald Trump das Amt des US-Präsidenten übernommen hat. Doch Carl Martin Welcker lässt sich davon nicht beeindrucken. In seinem ersten großes Zeitungsinterview als Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) erläutert der Mittelständler aus Köln, warum er gelassen bleibt.

Herr Welcker, wie ist die Stimmung im Maschinenbau?

CARL MARTIN WELCKER: Befriedigend. Wir hatten in den letzten Jahren einigermaßen gut zu tun. Es gibt aber nicht mehr so enorme Wachstumsschübe wie nach der Finanzmarktkrise. Auch 2016 dürften die Umsätze nach unserer Einschätzung stagniert haben.

Was erwarten Sie für 2017?

Trotz aller Unsicherheiten hoffen wir auf ein moderates Wachstum. Zum Ende des letzten Jahres hat der Auftragseingang an Schwung gewonnen. Wenn dies anhielte, könnte es auch eine positive Überraschung geben.

Kommt die Dynamik aus dem Export oder aus dem Inland?

Europa entwickelt sich erfreulich gut, weniger China, das jahrelang der Treiber war. Und in Deutschland, wo es eine gewisse Investitionszurückhaltung gab, läuft es in einigen Branchen wieder besser.

Welche Länder in Europa?

Diejenigen, die auch von der Krise besonders stark betroffen waren: Spanien, Italien, Frankreich.

Wie hat sich das auf die Zahl der Mitarbeiter ausgewirkt?

Die Zahl steigt immer noch leicht. Seit einigen Jahren liegen wir stabil über 1 Million. Aktuell sind wir bei 1,021 Millionen. Damit sind wir der größte Arbeitgeber in Deutschland, und darauf sind wir auch stolz.

Einer der Unsicherheitsfaktoren dürfte der Brexit sein. Wie wichtig ist Großbritannien für den Maschinenbau, und was erwarten Sie?

Großbritannien ist für den Maschinenbau nicht so wichtig. Dorthin gehen etwa 4 Prozent unseres Exports oder 7,2 Mrd. €. Die industrielle Basis ist dort nicht mehr so stark, dass deutsche Maschinen besonders benötigt würden. Wir erwarten vom Brexit keine dramatischen Folgen, weil die britische Industrie sie auch noch kaufen dürfte, wenn das Land nicht mehr Bestandteil der EU ist. Da brauchen wir ein vernünftiges Handelsabkommen.

Mit größerem Interesse dürften Sie auf die USA schauen.

Ja. Die USA sind mit 11 Prozent unser wichtigster Exportmarkt, noch vor China. Dort verkaufen wir Maschinen für 17,8 Mrd. €. Wir rechnen nicht damit, dass der Maschinenbau im Fokus von Präsident Trump steht und kurzfristig erhebliche Handelsbarrieren aufgebaut werden. Dafür spricht schon, dass es bei unseren Produkten selten amerikanische Wettbewerber gibt. Häufig geht es um Dinge, die in den USA gar nicht hergestellt werden. Dort ist die industrielle Basis nicht so ausgeprägt wie in Deutschland.

Trump könnte nicht sagen. America first – kauft die Maschinen im Inland?

Genau. Viele Produkte bekäme er nicht in den USA, und sie bei den Japanern zu kaufen, würde seiner Politik auch nicht entsprechen.

Was befürchten Sie – höhere Zölle?

Das ist eines von verschiedenen Szenarien. Man kann allein durch bürokratischen Aufwand den Handel erschweren. Ich mag gar nicht so sehr spekulieren, was alles kommen könnte. Wir gehen zunächst davon aus, dass nichts kommt und dass sich auf absehbare Zeit das liberale Gedankengut der Amerikaner zum Freihandel durchsetzt. Das ist tief im Kongress und im Senat verwurzelt. In beiden Häusern haben die Republikaner die Mehrheit, die wie keine andere Gruppe für Freihandel stehen. Trumps Ideen müssen ihn nicht zwangsläufig in Frage stellen.

Das dritte große und problematische Exportland ist China. Wie sehen Sie da die Entwicklung?

China hatte in den letzten Jahren gigantische Wachstumsraten. 2016 waren es 6,7 Prozent, was alle schon sehr erschreckt. Man muss sehen, welches Niveau das Land schon erreicht hat. Daher sehen wir China nicht so kritisch, wie es manchmal in der Presse dargestellt wird. Allerdings bekommen die Chinesen langsam neue Probleme mit nicht so schnellem Wachstum, Infrastruktur, Sozial- und Haushaltsproblemen in einigen Kommunen oder Firmen. Das wird das Wachstum etwas bremsen. Aber langfristig sind wir optimistisch. Zudem will sich China – schon aus Abgrenzung zu den USA - jetzt als Musterschüler beim Freihandel verhalten. Vielleicht können wir auch davon ein bisschen profitieren.

Wie wichtig sind für deutsche Mittelständler inzwischen Konkurrenten aus China?

Es gibt Felder, auf denen die Chinesen in den letzten Jahren stark aufgeholt haben. Die Produkte finden wir in Europa und Deutschland wieder. Sie sind noch nicht gleichwertig, aber sie haben einen Kostenvorteil. Eine Gefahr für den deutschen Maschinenbau insgesamt sehen wir noch nicht.

Chinesen kaufen deutsche Firmen mit Spitzen-Know-how auf. Spielt das auch im Maschinenbau eine Rolle.

Ja, da gibt es einige Fälle. Nach den bisherigen Erfahrungen sehen wir das unkritisch. Mir ist kein Fall bekannt, dass Chinesen das Know-how absaugen, die Zelte abschlagen und nach China abwandern. Wir haben sie als relativ zuverlässige Investoren erlebt, und wir begrüßen es, wenn Ausländer Deutschland für einen interessanten Investitionsstandort halten. Aber wir fordern ein, dass wir in diesen Ländern in gleicher Weise investieren dürfen.

Es besteht keine Notwendigkeit, dass der Staat eingreift?

Das wäre der falsche Weg. Wir müssen bei den Chinesen an die Tür klopfen und dort, wo sie sich nicht marktwirtschaftlich verhalten, aufzeigen, dass sie sich verändern müssen. Das ist im Interesse von allen. Das Hochziehen von Investitionsbarrieren wäre mit Sicherheit der falsche Weg.

Typisch für Ihre Branche sind kleinere Mittelständler. Wie schwer tun sie sich, bei der Digitalisierung mitzuhalten?

Das hat sich sehr gewandelt. Vor 18 oder 12 Monaten gab es noch Probleme bis hin zu mangelndem Bewusstsein, was Digitalisierung bedeutet. Wenn ich heute bei unseren Mitgliedern sehe, was an vielen Stellen passiert, dann ist das hoch dynamisch und zukunftsgerichtet. Ich habe überhaupt nicht mehr das Gefühl, dass der Mittelstand die Digitalisierung verschläft, ganz im Gegenteil: An vielen Stellen ist er zum Treiber geworden.

Was ist dann das Hauptproblem?

Die Infrastruktur wird zum limitierenden Faktor. Wenn es weder brauchbare Netze noch vernünftige Gesetzesregelungen gibt, wird aus der Digitalisierung nichts. Da muss dringend die Politik nachbessern und dafür sorgen, dass die vielen Hidden Champions auf dem Land Ein-Gigabit-Leitungen bekommen. Das zweite Problem sind die Eigentumsrechte an Daten. Da muss relativ schnell Klarheit bestehen, aber politisch passiert zu wenig.

Finden Sie die nötigen Mitarbeiter, um die Digitalisierung zu bewältigen?

Wir haben schon Probleme, allgemein Ingenieure zu finden. Jetzt suchen wir spezielle Ingenieure, die haben wir auch nicht. Wer verbindet schon Kenntnisse in Software und Elektrotechnik mit Maschinenbau, um zu helfen, neue Geschäftsmodelle auch umzusetzen. Da werden wir investieren müssen. Ich bin schon froh, dass es an den Universitäten eine Zunahme der Studenten in den MINT-Fächern gab, also Mathematik, Ingenieur, Naturwissenschaften und Technik. Das müssen wir breit in den Schulen und Universitäten aufbauen.

Arbeitsministerin Andrea Nahles denkt darüber nach, wie das Arbeitszeitrecht an die Digitalisierung angepasst werden sollte. Was wäre da besonders dringend?

Vor allem empfehle ich Frau Nahles, unternehmerische Freiräume zu schaffen. Auch im Vertrauen darauf, dass Softwareingenieure und Internetdesigner in der Lage sind, sich gegenüber ihrem Arbeitgeber durchzusetzen. Dafür spricht schon ihre Knappheit. Daher rate ich, nicht schon wieder die Welt in die 35-Stunden-Woche zu hämmern.

Das muss auch die IG Metall mitmachen.

Erst einmal müssen die Mitarbeiter in die Gewerkschaft eintreten, um von ihr vertreten zu werden. Kein Zweifel: Wir brauchen starke Gewerkschaften. Aber das letzte, was wir in der digitalen Welt benötigen, ist eine Reglementierung, wie die Überstunden bezahlt werden. Da muss man Freiräume schaffen.

Dazu gehört auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ob bei Frauen oder Männern. Was halten Sie von der Initiative von Ministerin Nahles, ein Rückkehrrecht aus Teil- und Vollzeitarbeit zu schaffen?

Nach Möglichkeiten zu suchen, wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verwirklicht werden kann, sind wichtig. Jeder Arbeitgeber ist gut beraten, wenn er sich angesichts des demografischen Wandels überlegt, wie er einen Arbeitsplatz so gestaltet, dass die Mitarbeiter ihr Privatleben gut bewältigen können. Aber dafür brauche ich keine gesetzliche Regelung, wie Frau Nahles sie will. Meine Befürchtung ist, dass ein Gesetz betriebliche Notwendigkeiten nicht genügend berücksichtigt. Ich warne davor, mit gut gemeinten Ideen die Unternehmen zu überfordern. Ein gesetzlicher Anspruch, wonach die Mitarbeiter beliebig von Teilzeit auf Vollzeit wechseln können, wäre eine solche Überforderung.

Sprecher der Industriebranche


Der Maschinen- und Anlagenbau ist Deutschlands größte Industrie­branche. Die Interessen der meist mittelständischen Betriebe vertritt der VDMA, dem 3200 Firmen angehören. Sein Präsident ist seit November 2016 Carl Martin Welcker. Der 56-Jährige leitet seit 1993 in vierter Generation das Familienunternehmen Alfred H. Schütte GmbH & Co. KG in Köln. Der Hersteller von Schleif- und Mehrspindel-Drehmaschinen setzt mit gut 650 Beschäftigten 110 Mio. € um. Nach einer Maschinenschlosser-Lehre machte der verheiratete Vater von zwei Kindern in Berlin seinen Abschluss als Wirtschaftsingenieur.