Berlin / DIETER KELLER  Uhr
Lokale Initiativen zur Betreuung von Flüchtlingen können beim raschen Einstieg ins Berufsleben viel helfen. Doch sie müssen ihre Arbeit viel breiter anlegen.

Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt ist eine große Herausforderung. Ohne lokale und regionale Initiativen kann sie nicht bewältigt werden – die Aktivitäten der Arbeitsagenturen und Jobcenter sowie der Arbeitgeber allein reichen nicht aus. Das ist die Antwort des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung auf die Frage: „Wie schaffen wir das?“ als Konsequenz auf Angela Merkels optimistisches „Wir schaffen das.“

Um erfolgversprechende Wege zu finden, hat das unabhängige Institut zehn lokale Initiativen befragt, die sich um die Integration bemühen. Darunter sind mehrere aus Berlin, aber auch der Ausbildungscampus, den die Bürgerstiftung Stuttgart ins Leben gerufen hat. Die wichtigste Erkenntnis: Ein eigenes Einkommen und damit ein Beruf sind zentral für die Integration von hunderttausenden von anerkannten Asylbewerbern, die längerfristig in Deutschland bleiben werden. Dabei können die Initiativen viel helfen. „Sie ergänzen die Arbeit der Behörden und ersetzen für die Geflüchteten fehlende persönliche Netzwerke, die bei der Jobsuche unabdingbar sind“, erläutert der Autor der Studie, Stephan Sievert.

Er hat zehn Ratschläge für alle Beteiligten entwickelt. Der wichtigste Tipp: Die Flüchtlinge brauchen bei ihrem Start in ein neues Leben mehr als nur die Vermittlung eines Arbeitsplatzes. Denn die allermeisten bringen nicht die Voraussetzungen für den direkten Einstieg ins Berufsleben in Deutschland mit, auch wenn sie das rasch anstreben, um Geld zu verdienen. Eine wichtige Erfahrung aus früheren Flüchtlingswellen ist, dass die Initiativen möglichst schnell möglichst viel anbieten sollten, indem beispielsweise Sprachförderung und Praktika verzahnt werden. Denn am Anfang ist die Motivation hoch, aber die Frustration kommt schnell. Gleichzeitig brauchen die Helfer einen langen Atem, schon weil längerfristig nur eine Berufsausbildung gute Perspektiven bietet, die aber Jahre dauert und den Flüchtlingen erst einmal nahe gebracht werden muss.

Ein wichtiger Rat ist auch, dass ihre Betreuung nicht enden darf, wenn die erste Anstellung gefunden ist. Das gilt ebenso für die Kontakte zu den Unternehmen. Denn im Arbeitsalltag ergeben sich viele Missverständnisse und Herausforderungen. Im Idealfall können die Initiativen als Bürgen auftreten, um den Unternehmen zu signalisieren, dass sie den Flüchtling sowohl fachlich als auch persönlich für geeignet für die Stelle halten.

Praktika und Helferjobs können Sprungbretter für den Einstieg sein. Manche Firmen wählen bewusst den Weg, sie als ungelernte Arbeitskräfte einzustellen, um zu testen, ob sie ihnen einen Ausbildungsplatz anbieten. Wichtig ist dabei, dass dies nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer abgeschlossenen Berufsausbildung bleibt. Diesen Weg geht gerade das Handwerk häufig, schon um zu zeigen, welche Arbeitsinhalte hierzulande üblich sind, erläutert der Geschäftsführer der Handwerkskammer Berlin. Ulrich Wiegand.  Eine „Ausbildung light“ für Flüchtlinge lehnt er allerdings nachdrücklich ab. Das wäre eine Sackgasse. Das duale Ausbildungssystem sei hoch flexibel, auch bei der Anerkennung bereits vorhandener Kenntnisse. Das Handwerk will in den nächsten beiden Jahren bundesweit bis zu 10 000 Flüchtlingen eine Lehrstelle bieten.

Für den Chef des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz, wäre es ein Erfolg wenn nach fünf Jahren die Hälfte der Flüchtlinge einen qualifizierten Arbeitsplatz hätte. Dabei sieht er die Notwendigkeit, die Initiativen zu professionalisieren: Nur mit Freiwilligen wird es auf Dauer nicht gehen.

Angebot in Stuttgart

Hilfen Der Ausbildungscampus Stuttgart für junge Ausbildungssuchende und Firmen ist eine von vielen regionalen Initiativen, um Flüchtlingen zu helfen. Er wurde 2015 vom Runden Tisch der Bürgerstiftung initiiert. An einem zentralen Ort sollen sie und andere Jugendliche mit Ausbildungshemmnissen Unterstützung und Beratung bekommen. Neben Berufsorientierung soll es auch Tipps zu Freizeitangeboten geben.