Unternehmen Initiative schlägt flexible Arbeitszeitmodelle vor

Berlin / Dieter Keller 30.05.2017

Bessere Chancen für Frauen im Beruf würden der deutschen Wirtschaft einen kräftigen Wachstumsimpuls bescheren: 2025 könnte das Bruttoinlandsprodukt um 422 Mrd. € oder 12 Prozent höher ausfallen, hat die Initiative „Chefsache“ ausgerechnet, in der sich rund 20 Konzerne wie BASF, Bosch und Siemens engagieren, aber auch der Deutsche Caritasverband und das Bundesverteidigungsministerium.

Voraussetzung dafür ist nicht nur, dass mehr Frauen arbeiten. Sie müssen auch verstärkt Führungspositionen übernehmen. In der obersten Führungsetage lag ihr Anteil 2015 nur bei 11,5 Prozent, unter allen Erwerbstätigen dagegen bei fast 47 Prozent.

Vor zwei Jahren hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) der Initiative zum Start mit auf den Weg gegeben, dass sie konkrete Erfolge sehen wolle. Viel getan hat sich seither auch bei den Mitgliedsunternehmen nicht.

Fern heutiger Lebensrealität

„Der Wandel geschieht nicht von heute auf morgen“, weiß Janina Kugel aus eigener Erfahrung. Seit 2015 ist die gebürtige Stuttgarterin die zweite Frau im Vorstand des Siemens-Konzerns und Personalchefin für rund 340.000 Mitarbeiter weltweit. Sie setzt insbesondere auf mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit auch in den obersten Führungsebenen.

Es ist vielsagend, dass ansonsten Männer die Ergebnisse der Arbeit von „Chefsache“ präsentieren, auch wenn sie Frauen ­fördern. Beispielsweise Bernhard Beck. Der Personalvorstand der Karlsruher Energie Baden-Württemberg (ENBW) sagt: „Prä­senzkultur und Vollzeiteinsatz sind in deutschen Führungsetagen noch immer gang und gäbe, auch wenn sie nicht mehr der heutigen Lebensrealität vor allem weiblicher Führungskräfte entsprechen.“

Doch in Vorstellungsgesprächen beobachtet er zunehmend ein Umdenken – insbesondere bei jüngeren Männern. Sie sagten unumwunden, dass das reine „Malochen“ für sie keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Mancher hätte gerne eine reduzierte Vollzeitbeschäftigung. Mehr Heimarbeit ist Alltag. „Es gibt auch andere Dinge im Leben als der Beruf.“ In Zeiten des Fachkräftemangels können sich Bewerber solche Wünsche leisten. Längst findet er es selbstverständlich, dass mehr Männer die Elternzeit nutzen, und das deutlich länger als die zwei „Vätermonate“.

Im Fokus von „Chefsache“ stehen aber die Frauen. Förderkonzepte sind schnell gestrickt, aber deutlich langsamer umgesetzt, sagt Beck. Damit flexibles Arbeiten verstärkt auch in der Führungsetage einzieht, hat die Initiative einen Baukasten mit 21 praxisnahen Instrumenten entwickelt, den auch andere Unternehmen nutzen können.

Viele Möglichkeiten

Reduzierte Vollzeit wird da ebenso als Modell empfohlen wie mobiles Arbeiten und Jobsharing, also das Teilen einer Position unter mehreren Beschäftigten. Dazu gehört, dass auch für Führungskräfte Ergebnis und Leistung entscheidend sind und nicht, immer am Schreibtisch im Betrieb zu sitzen, auch nicht in einer „Kernarbeitszeit“. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen müssen sich da umstellen, sagt Janina Kugel. Das erfordert unter anderem mehr Kommunikation zwischen Chef und Mitarbeitern. Das Beratungsunternehmen McKinsey stellt heute 40 Prozent der Anfänger als Projektleiter in Teilzeit ein, berichtet Deutschlandchef Cornelius Bauer. Bei Praktikanten ist es sogar die Hälfte.

Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter sehen: Teilzeit ist möglich, und sie bringt keine Nachteile mit sich, sagt Kugel. Sie weiß aber auch: Teilzeit mag für die Führungsebene ein Thema sein. Viele Mitarbeiter mit einfacheren Jobs können sich ein geringeres Einkommen aufgrund einer geringeren Arbeitszeit überhaupt nicht leisten.

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