Energieintensive Unternehmen verabschieden sich schon seit über einem Jahrzehnt schleichend aus Deutschland, schlägt der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, Alarm: Ihre neuen Investitionen sind deutlich niedriger als ihre Abschreibungen auf bestehende Anlagen. Wenn sich diese Entwicklung aufgrund der Explosion der Energiepreise weiter verstärkt, könnte das ernsthafte Auswirkungen auf die anderen Industrieunternehmen haben. Denn damit ist eines der Erfolgsrezepte der deutschen Wirtschaft in Gefahr: Sie ist nicht nur in der Produktion eng vernetzt, sondern auch in Forschung und Entwicklung.

Am stärksten betroffen wäre die Metallindustrie, ergab eine Umfrage des wirtschaftsnahen IW, an der sich 1500 Unternehmen beteiligten. In dieser Branche befürchten 6 von 10 Firmen negative Einflüsse auf den eigenen Geschäftserfolg, wenn energieintensive Zulieferer abwandern. Auch die Innovationskraft droht zu leiden: Jedes dritte Unternehmen geht davon aus, dass es seine Forschungsnetzwerke nicht mehr aufrecht erhalten kann.

In anderen Branchen ist die Abhängigkeit nicht ganz so groß. Aber auch in der Chemie, im Maschinenbau und der Automobilindustrie erwartet jedes dritte Unternehmen negative Einflüsse. "Kritisch ist vor allem, dass gerade die innovativen und international ausgerichteten Unternehmen unter einer möglichen Abwanderung ihrer energieintensiven Zulieferer zu leiden hätten", kommentierte Hüther die Umfrageergebnisse.

Allerdings ist das Abwandern von Zulieferern nur für einen Teil der Industrieunternehmen ein Problem. Für gut 40 Prozent spielt es keine Rolle, in welchem Land stromintensive Zulieferer sitzen. 15 Prozent würden aus dem Ausland nicht nur Zulieferungen beziehen, sondern auch in der Entwicklung zusammenarbeiten. Mehr als jedes 10. Unternehmen würde dagegen die gemeinsame Entwicklung beenden.

Schon heute zahlen große industrielle Verbraucher im Schnitt 10,4 Cent pro Kilowattstunde Strom, 40 Prozent mehr als im Jahr 2007 und 40 Prozent mehr als in Frankreich oder den Niederlanden. Gegenüber dem Durchschnitt aller 27 EU-Staaten hat Deutschland nach der Analyse des IW einen Kostennachteil von 15 Prozent. Hauptgrund für die Preisexplosion war weniger der reine Strompreis als die Abgaben, die in Deutschland mindestens doppelt so hoch sind wie in den anderen EU-Staaten. Hauptbrocken ist die EEG-Umlage für erneuerbare Energien. Weitgehend von ihr befreit waren 2012 etwa 700 große Unternehmen, bei denen die Stromkosten mehr als 14 Prozent der Wertschöpfung ausmachten. In diesem Jahr stieg die Zahl auf etwa 2000. Doch das erhöhte nach Angaben des IW-Experten Hubertus Bardt die begünstigte Strommenge kaum. Der Großteil der Unternehmen muss, genau so wie die privaten Haushalte, die volle EEG-Umlage von 5,28 Cent je Kilowattstunde zahlen.

Stiege der Strompreis um 2 Cent, hätte allein die besonders energieintensive Chemische Industrie nach Angaben von Hüther Mehrkosten von 740 Mio. EUR im Jahr. Die Metallerzeuger und -bearbeiter käme fast auf die gleiche Belastung, der Fahrzeugbau auf 330 Mio. EUR. Solche Zahlen verunsichern nach Hüthers Worten die Unternehmen - und im Zweifel entscheiden sie sich gegen eine Investition in Deutschland. 80 Prozent der Betriebe des Verarbeitenden Gewerbes halten die Auswirkungen der Energiewende auf den Standort für unklar, 19 Prozent befürchten eine deutliche Schwächung.

Daher fordert der IW-Chef Planungssicherheit - "und die ist eine Bringschuld der Politik", spätestens nach der Bundestagswahl. Deutschland brauche mehr Wettbewerb und nicht mehr Subventionen, also eine "glaubwürdige Ausstiegsstrategie aus der Förderwelt". Das Konzept müsse insbesondere europatauglich sein, also für die Vollendung des Strombinnenmarktes in der EU sorgen.