Ulm / THOMAS VEITINGER  Uhr
Fehlt die Einsicht oder kann der Digitalabhängige im Jahr 2016 einfach nicht anders? Whatsapp im Auto schreiben ist lebensgefährlich.

Eine sonnige Straße. Der SUV-Fahrer tippt eine Nachricht in sein Handy und gerät durch die Ablenkung auf die Nachbarspur. Die neben ihm fahrende Frau kann gerade noch ausweichen, verlässt an der nächsten Ampel ihr Auto, beugt sich zu dem Mann hinunter, lächelt – und klebt ihm eine. „Be smart – Hände ans Steuer, Augen auf die Straße“ erscheint auf seinem Display.

So harmlos diese TV-Botschaft – hinter der unter anderem der Automobilclub Mobil in Deutschland und Tüv Süd stecken – auch sein mag: Es gibt schlimme Unfälle. So wurde jüngst eine Frau verurteilt, weil sie Nachrichten auf ihrem Handy verfasst hatte und zwei Radfahrer überfuhr. Einer starb.

Von knapp 12 000 beobachteten Fahrern in Großstädten war beinahe jeder siebte abgelenkt, ergab eine unveröffentlichte Studie der TU Braunschweig. Noch häufiger als Telefonieren beobachteten die Forscher das Tippen auf dem Handy. Dabei bedeutet das Absetzen einer SMS fünf Sekunden totale Ablenkung. Das entspricht einem Fahrverhalten wie mit 0,8 Promille Alkohol im Blut, rechnen Experten vor. Ist das Handy der neue Schnaps? In Österreich scheint es so: Während hierzulande keine Zahlen veröffentlicht werden, soll im Nachbarland bei Unfällen mit Todesfolge in 12 Prozent aller Fälle Ablenkung die Ursache gewesen sein – fast dreimal so viel wie Alkohol.

„Es fehlt wohl das Risikobewusstsein“, sagt Verkehrspsychologe Mark Vollrath von der TU Braunschweig. In einer Umfrage gestanden drei Viertel aller Fahrer, schon einmal unterwegs das Smartphone genutzt zu haben, viele davon machen das sogar häufig. „Aber unterschiedliche Dinge gleichzeitig zu tun, ist nicht möglich“, weiß Vollrath. Möglicherweise erklärt dies die wieder steigende Zahl der Verkehrstoten in Deutschland.

Dabei kann das Fummeln am Handy sogar legal sein. Wer bei laufendem Motor ein Handy in der Hand hält, macht sich strafbar. Steckt das Gerät in einer Halterung, darf sogar bei schneller Autobahnfahrt getippt werden. „Passiert allerdings ein Unfall, ist der Schreiber dran, denn er hat sein Fahrzeug nicht vollständig kontrolliert“, weiß der Spezialist.

Vollrath fordert deshalb ein Gesetz, das Schlupflöcher schließt und auch andere Geräte als Handys einschließt. Doch die Reaktion der Politiker auf eine angepasste Rechtsgrundlage sei „verhalten“ gewesen. Nach dem Deutschen Verkehrsgerichtstag 2015 war die Bereitschaft zur Veränderung noch groß – dabei blieb es jedoch.

Dem widerspricht Jörg Kubitzki, Unfallforscher bei Allianz. „An der Novellierung wird gearbeitet, das braucht seine Zeit.“ Nötig sei eine Ausdehnung auf Ablenkung allgemein – egal durch welches technische Gerät. Wichtig wäre die Unterdrückung von Funktionen in bestimmten kritischen Fahrsituationen, etwa ankommende Telefongespräche bei Baustellendurchfahrten.

Der ADAC fordert dagegen keine Gesetzesverschärfung. „Wir möchten, dass mehr kontrolliert wird“, sagt Andreas Hölzel vom Autoclub.

Doch Handys sind nicht alles:  Autos sind heute laut ADAC  mit viel Technik versehen, die ablenkt. Dies könnte in Zukunft noch schlimmer werden. So will Daimler „vom Automobilhersteller zum vernetzten Mobilitätsdienstleister“ werden. Ex-VW-Chef Martin Winterkorn verkündete gar: „Bis 2020 machen wir jedes unserer neuen Autos zum rollenden Smartphone.“ Die Welt 4.0 mit ihrem „Allways On“ – der ständigen Vernetzung via Internet – kostet ihren Preis.  Eine US-Studie ergab, dass Fahrer sogar in 52 Prozent der Fahrtzeit abgelenkt sind.

Laut Verband der Deutschen Automobilindustrie ist bereits jeder fünfte Neuwagen im Datennetz. Apps lassen sich auf Borddisplays der Wagen nutzen. Die Steuerung ist laut Autotester in manchen Modellen durch Tasteneingaben kompliziert. Manche Funktionen verstecken sich in Untermenüs. Einige Autofahrer beherrschen die Bedienung schnell, andere brauchen dagegen länger. Eine Zeit der gefährlichen Gewöhnung mit vielen Blicken auf Display und Konsole gibt es laut Hölzel immer. Wer bei einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometer nur eine Sekunde lang unachtsam ist, legt etwa 27 Meter im Blindflug zurück.

Möglicherweise hilft aber bei den Auswüchsen moderner Technik ebenfalls die Technik. Assistenzsysteme machen Autofahren sicherer, wenn der Fahrer unaufmerksam ist. Der Wagen wird in der Spur gehalten, automatisch abgebremst und überholt sogar selbst. Bis das Auto aber vollautonom fährt und sich alle Insassen inklusive Fahrer endlich gänzlich ihren iPads und Mobilfunkgeräten widmen können, vergehen aber noch einige Jahre.

Thema in Fahrschulen

Rumfummeln.  In Fahrschulen ist die mögliche Gefahr durch Ablenkung beim Autofahren allgemein ein wichtiges Thema. „Früher war es der Streit mit dem Beifahrer oder das Sendersuchen am Radio, heute das Rumfummeln am Handy“, sagt Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbands Baden-Württemberg. „Wir müssen viel Überzeugungsarbeit leisten. Allerdings ist die Zielgruppe meist in einem Alter, in dem sie sich wenig sagen lässt.“ Für Jochen Klima ist Surfen oder Schreiben im Wagen ein gesellschaftliches Thema und keines, bei dem Autohersteller versagen. Was er bedauert: Am Steuer telefonierende Eltern seien oft schlechte Vorbilder.