Geld In Deutschland gilt immer noch: Nur Bares ist Wahres

Bargeld steht hoch im Kurs.
Bargeld steht hoch im Kurs. © Foto: Getty Images
dpa 19.05.2017

Für eine Barzahlung an der Ladenkasse eine Gebühr von 25 €? Diesem Verlangen eines Stuttgarter Elektrohändlers schob die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg einen Riegel vor. Der Fall sorgte auch deshalb für Aufsehen, weil er am Grundverständnis der Mehrheit der Deutschen rüttelt: Scheine und Münzen als geprägte Freiheit – ohne Einschränkung.

„Obwohl mitunter so getan wird, als stünde die Abschaffung oder die Bedeutungslosigkeit des Bargelds unmittelbar bevor, zirkulieren mehr Banknoten denn je“, bilanzierte Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele im März. Ende 2016 waren Euro-Banknoten im Wert von 1126 Mrd. € im Umlauf. Seit Einführung des Euro-Bargeldes im Jahr 2002 hat sich der Banknotenumlauf verfünffacht. Zwar sinke der Anteil der Barzahlungen langsam, aber noch würden über die Hälfte der Ausgaben bar bezahlt, stellt  Thiele fest. „Es gilt nach wie vor: Cash is King!“ Frei auf Deutsch übersetzt: Nur Bares ist Wahres.

Obwohl im deutschen Einzelhandel der Anteil der Kartenzahlungen seit Jahren zunimmt, ist Deutschland nach wie vor ein Land der Barzahler. Mehr als die Hälfte der Umsätze (51,6 Prozent) an den Ladenkassen werden laut Handelsverband HDE mit Schein und Münze getätigt. „Die Barzahlung wird auf absehbare Zeit weiterhin ein wesentlicher Bestandteil des Zahlungsmixes im Einzelhandel sein“, prognostizierte HDE-Experte Ulrich Binnebößel.

Eine Revolution an der Ladenkasse ist demnächst wohl nicht zu erwarten. „Zwar nimmt der Anteil elektronischer Zahlungsverfahren hierzulande zu. Dieser Wandel vollzieht sich aber nur vergleichsweise langsam“, konstatiert Bundesbank-Präsident Jens Weidmann.

Aber ist Bargeld nicht zu teuer? Scheine müssen gedruckt, Münzen geprägt werden. Panzerwagen bringen die wertvolle Ware von A nach B.  Dennoch: „Mit Bargeld sind in den meisten Ländern die niedrigsten Kosten pro Transaktion verbunden“, bilanziert eine Deutsche-Bank-Studie. Ein wissenschaftliches Gutachten bestätigt das.

Für viele Verbraucher haben andere Argumente noch größeres Gewicht: Wer mit Schein und Münze zahlt, hinterlässt keine elektronischen Spuren, behält den Überblick über seine Finanzen und muss sich nicht sorgen, dass beim Einkaufen sensible Bankdaten geklaut werden.

Einer repräsentativen Umfrage der Direktbank ING-Diba zufolge wollen 84 Prozent der Deutschen niemals vollständig auf Bargeld verzichten. Neun von zehn gaben an, sie hätten fast immer oder häufig Bargeld bei sich – das liegt deutlich über dem Schnitt der 13 betrachteten europäischen Länder (79 Prozent).

Während in Schweden manche Parkuhren keine Münzen mehr annehmen und in Kirchen per Automat gespendet wird (Motto: „Bargeld braucht nur noch deine Oma – und der Bankräuber“) oder es in London üblich ist, selbst Kleinstbeträge wie das Busticket oder den Coffee to go mit Karte zu zahlen, setzen sich digitale Bezahlverfahren in Deutschland nur schleppend durch.

Die beschlossene Abschaffung des 500-Euro-Scheins und Überlegungen der EU, Obergrenzen für Bargeldgeschäfte einzuführen, bestärkt die Bargeld-Befürworter eher noch – zumal umstritten ist, ob solche staatlich verordneten Einschnitte die erhoffte Wirkung zeigen. Die Gutachter des Bundeswirtschaftsministeriums bezweifeln das. „Allein die Beobachtung, dass die Verwendung von Bargeld rückläufig ist, ist kein Grund dafür, dass diese Entwicklung von Staats wegen beschleunigt werden sollte.“

Experte: Branche muss Lösungen liefern

Führende Notenbanker haben davor gewarnt, dass Europa bei der Einführung neuer digitaler Bezahlsysteme ins Hintertreffen gerät. „Die Branche muss Lösungen liefern, die der Innovation den Rücken stärken, auch mit Blick auf den weltweiten Wettbewerb“, sagte EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch gestern zum Bezahlen in Echtzeit, zum Beispiel per Smartphone an der Ladenkasse. „Wir müssen also dafür sorgen, dass die Verbraucher in Europa in Echtzeit und mit einer sicheren sowie soliden Marktinfrastruktur ohne grenzüberschreitende Einschränkungen zahlen können – wie beim Bargeld.“ dpa

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