Handwerk Herrenfriseure: In Barbershops sind Männer unter sich

Niederstetten / Alisa Grün 14.09.2018
Herrenfriseure liegen im Trend. Sie etablieren sich auch in Kleinstädten, wie der Salon von Felix Glänzer und Giuseppe Rizza zeigt.

Ein würzig-frischer Duft von Aftershave und alten Ledersesseln liegt in der Luft. Im Schaufenster steht wie selbstverständlich ein Motorrad. Vor der Türe dreht sich die typisch blau-rot-weiße Reklamestange. Wo sonst Magazine mit dem neuesten Promi-Klatsch liegen, finden sich hier Motorsport- und Tätowier-Zeitschriften. Statt leiser Radiomusik im Hintergrund dröhnt Alternative-Metal-Musik aus den Lautsprechern.

„Bei uns ist es manchmal ganz schön laut“, sagt Felix Glänzer. Der gelernte Friseur ist Inhaber des Maenneken Barbershops im baden-württembergischen Niederstetten, einem Herrenfriseurgeschäft, das mit herkömmlichen Salons wenig zu tun hat.

Akkurate Haarschnitte, ausgiebige Bartpflege und die Königsdisziplin Nassrasur – in so genannten Barbershops werden ausschließlich Männer bedient. Reine Herrenfriseure also, zu denen Frauen oft keinen Zutritt haben. Haarfarbe und Trockenhaube sucht man vergeblich, Pomade und Bartöl stehen für Styling und Pflege bereit. Eingeschäumt wird mit dem Pinsel, rasiert ganz klassisch mit dem Messer.

Barbershops sind populär

Immer mehr solcher reinen Männer-Geschäfte eröffneten in den vergangenen Jahren deutschlandweit. Und das nicht nur in Großstädten wie Berlin oder München. Mittlerweile hat auch nahezu jede Kleinstadt einen Barbier. Matthias Moser, Geschäftsführer des Fachverbandes Friseur und Kosmetik Baden-Württemberg (FFK), nennt für diese Entwicklung mehrere Gründe: „Ein Grund ist sicherlich der weiterhin anhaltende Trend des Barberings. Friseure sind generell Trendsetter und wollen sich auf dem Markt immer wieder neu erfinden.“ Außerdem machen sich viele Menschen mit Migrationshintergrund selbstständig. „In den arabisch und südlich gelegenen Regionen von Europa zum Beispiel, ist die Ausübung als Herrenfriseur ein alltägliches Geschäft.“

Das weiß auch Felix Glänzer. In Deutschland habe man leider irgendwann das Herren- und Damenfach einfach zusammengeschmissen. „Man hat mal kurz in zehn Minuten einen Mann geschnitten, während bei der Frau die Farbe einwirkte.“ Das habe sich mittlerweile grundlegend geändert: „Die Männer wollen auch ihr eigenes Ding. Sie wollen unter sich sein.“

Das Geschäft boomt

So kam es, dass Glänzer gemeinsam mit seinem ehemaligen Ausbilder und jetzigen Geschäftspartner Giuseppe Rizza im Jahr 2015 den Maenneken Barbershop gründete. Und das im beschaulichen 5000-Seelen-Ort Niederstetten im Main-Tauber-Kreis, wo Friseurmeister Rizza bereits seinen klassischen Haarsalon Le Figaro betreibt.

Mit zwei Arbeitsplätzen auf etwa 20 Quadratmetern und noch nicht ganz so vielen Blechschildern an der Wand haben sie ihren Rasiershop aufgemacht. Glänzer sagt: „Vom ersten Tag an war die Bude gerammelt voll. Und das bis jetzt.“ Nicht selbstverständlich, findet der Friseur: „Ich hatte schon Bedenken, dass wir hier in Niederstetten, was ja doch etwas kleiner ist, nicht so angenommen werden, wie ich das vielleicht erhofft habe.“

Die gute Nachfrage machte vergangenes Jahr sogar eine Vergrößerung notwendig. Besonders zum so genannten Walk-In samstags, an dem die Kunden ohne Termin kommen können, war der Andrang enorm. „Um 8 Uhr waren mindestens 20 Leute vor der Türe gestanden. Manche kamen schon um 6.30 Uhr, damit sie als einer der ersten drankommen.“ Und das teilweise aus mehreren hundert Kilometern Entfernung.

Ein dritter Arbeitsplatz wurde im alten Salon „irgendwie reingequetscht“. An dem bediente ein weiterer Mitarbeiter die Kunden. Glänzer erinnert sich lachend: „Anwar hat zur Hälfte auf der Straße gearbeitet. Das war zum Glück nur eine Übergangslösung.“ Mit 80 Quadratmetern ist der neue Laden viermal so groß.

Entspannen beim Herrenfriseur

Besonders auf die klassische Nassrasur legen die Niederstettener Barbiere großen Wert. Glänzer erklärt: „Das ist ein Ritual zum Entspannen. Die Kunden legen sich nach der Arbeit einfach in den Stuhl, trinken ein Bier und lassen sich von uns verwöhnen.“ Um die Wartezeit zu verkürzen, haben sich die beiden Inhaber mehrere Dinge einfallen lassen: Der Wartebereich im Stil der 50er Jahre nennt Rizza auch das „Wohnzimmer“. An der Bar gibt es Espresso, Bier und Whisky. In einem weiteren Raum stehen Billardtisch und Dartscheibe. „Wir wollen einfach, dass der Kunde eine coole Zeit hat“, sagt Glänzer.

Spezialisierung erfolgt meist nach der Ausbildung

Die Fertigkeiten eines Barbiers lernen Auszubildende derzeit nicht vertiefend. Die Rasur gehört zum Lehrplan an den Berufsschulen. Das Damenfach ist aber nach wie vor dominanter. Matthias Moser vom FFK sagt: „Die ‚Duale Ausbildung‘ und damit die Ausbildungsordnung für Friseure ist grundsätzlich weit angelegt. In der Ausbildung sollen alle Kenntnisse des Friseurhandwerks vermittelt werden. Wir möchten keine Minderausbildung fördern.“

Erst nach der Ausbildung könne der Geselle erkennen, welche Fähigkeiten er weiter vertiefen möchte, um sich zu spezialisieren. Moser ergänzt: „Man sollte diese Chancen nicht zu früh beschneiden.“ Glänzer sieht das anders. Er hofft, dass es in Zukunft wieder eine spezielle Ausbildung für das Herrenfach geben wird.

Kurzlebiger Trend oder bald fester Bestandteil des Stadtbildes?

Doch unterliegen die Barbershops nur einem flüchtigen Trend oder können sie sich auch in Zukunft halten? Moser hat wenig Zweifel: „Friseure sind Unternehmer. Sie wären schlecht beraten, eine Spezialisierung auf den Herren nicht aufrechtzuerhalten, wenn der Markt danach verlangt.“

In Niederstetten sieht man die eigene Zukunft nicht gefährdet. Laut Glänzer wird sich auf kurz oder lang aber auch in der Barbier-Szene die Spreu vom Weizen trennen: „Viele versuchen da jetzt mit aufzusteigen, richten zum Beispiel in ihrem Friseurgeschäft eine kleine Barber-Ecke ein. Aber ich denke im Endeffekt werden die, die es richtig machen, überleben.“ Selbst wenn sich der Trend vom Vollbart zum Dreitagebart ändern würde, bliebe der Kleinstadt-Barbier gelassen: „Das können wir dann ja auch machen.“ Was nämlich weiterhin zählt, ist die reine Männerrunde – mit einem guten Whisky, derben Gesprächen und dem scharfen Rasiermesser im Anschlag.

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Branche im Südwesten

Etwa 11 700 Haarsalons gab es Ende 2017 in Baden-Württemberg. Vor fünf Jahren waren es rund 11 500, zehn Jahre zuvor zirka 10 600. In der Handwerksrolle wird nicht zwischen klassischen Salons und Barbershops unterschieden.

Um einen Barbershop zu eröffnen, bedarf es, wie bei einem herkömmlichen Friseurgeschäft auch, des Meistertitels. In Einzelfällen ist eine Ausnahmebewilligung möglich. Ebenso gibt es eine Altgesellenregelung, nach der sich ein Geselle nach sechs Jahren im Beruf, davon zwei Jahre in leitender Position, selbstständig machen kann.

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