Auto Hybrid-Motor: Im Zeitalter des Zwitters

Ulm / Von Thomas Veitinger 05.01.2018
Hybride: Fahrzeuge mit kombiniertem Elektro- und Verbrennungsmotor sind gefragt und mehr als ein Feigenblatt der Elektromobilität.

Zum Start heißt es: Obacht! Der Posche zeigt nur durch ein unscheinbares „Ready“ (Fertig) auf einem seiner sechs Bildschirme, dass er bereit ist. Nun kann der rechte Fuß durch Niederdrücken  680 PS Systemleistung entfesseln. So viel Kraft leisten der Benzin- und Elektromotor des Panamera Turbo Plug-in-Hybrid zusammen. Knapp 200 000 € kostet die Antriebsmischung aus alter und neuer Zeit, die bei Porsche-Käufern beliebt ist: 60 Prozent des Panameras sind Zwitter – dabei ist der Verkauf in den elektro-orientierteren USA und China erst angelaufen. „Der Hybrid-Absatz liegt deutlich über unserer Erwartung“, sagt Gernot Döllner, der Leiter der Modell-Baureihe.

Möglicherweise hat der Antrieb einfach ein gutes Öko-Image, vermutet Vorstand Albrecht Reimold zum Verkaufserfolg. Der Panamera kann 50 Kilometer rein elektrisch zurücklegen, bevor der Verbrenner anspringt. Eine Reichweite, die Elektrowagen allerdings schon im Jahr 1899 übertrafen: Der so genannte Lohner-Porsche war mit Otto- und Elektromotor ausgerüstet.

In den kommenden fünf bis sieben Jahren rechnet Döllner mit stetigen Verbesserungen der Lithium-Ionen-Batterien. „Danach wird es durch die Festkörperzelle einen deutlichen Schub geben.“ Der Porsche Spyder kam noch auf 31 Kilometer Reichweite – „ein Abfallprodukt“, blickt Döllner zurück. Beim Panamera könnte die elektrische Reichweite zwar auf 100 Kilometer ausgebaut werden. Aber dann wäre die Batterie deutlich größer und schwerer und würde den Verbrauch bei Benzinantrieb wieder nach oben treiben.

Der Hybrid ist sparsam – zeitweise. Im Test der SÜDWEST PRESSE schluckte der 2,3-Tonner nur 3,5 Liter Super-Plus auf den ersten 100 Kilometern. Doch im Auto gibt es auch Fahrmodi, die den Benzinmotor ständig laufen lassen. Ein Boost-Knopf stellt die volle Kraft sofort zur Verfügung. Spitzenbeamte aus Bundesministerien, die sich chauffieren lassen, sind offenbar frustriert über ihre Dienstwagen mit Hybridantrieb. Wenn der Verbrennungsmotor anspringt, seien die Verbrauchswerte exorbitant hoch, klagen sie.

Ist der Hybrid nur eine Brückentechnologie? 2019 soll Porsches erster Vollektrischer namens Mission-E auf den Markt kommen. Dieser erreicht in 3,5 Sekunden die 100 Stundenkilometer. Angepeilte Reichweite: 500 Kilometer. Hauptkonkurrent Tesla hat mittlerweile jedoch für 2020 ein Batterie-Auto angekündigt, das die doppelte Reichweite erreichen und die 100-km/h-Geschwindigkeitsmarke in 1,9 Sekunden knacken soll. „Wie er das schafft, muss sich in der Realität noch zeigen“, sagte der Porsche-Hybridspezialist Thomas Neumann skeptisch.

Mindestens genau so wichtig wie die Reichweite ist für die Kunden die Möglichkeit zum Aufladen ihrer Batterie. Je nach Art der Ladesäule ist der Mission-E in knapp drei Stunden, etwas über einer Stunde, in 42 Minuten oder in 22 Minuten geladen – zu lange für viele Fahrer. Doch Schnelllade-Stationen sollen es mit 320 Kilowattstunde Ladeleistung und flüssigkeitsgekühltem sieben Kilo schwerem Ladekabel theoretisch in 10 Minuten schaffen – realistisch sind vermutlich eher 15 bis 20 Minuten, ist aus anderen Quellen zu erfahren. BMW, Daimler, Ford, Porsche und Audi wollen bis 2020 entlang von Hauptreiserouten 400 dieser Säulen aufbauen. Auf der Fahrt nach Italien oder an die Nordsee soll es dann keine Strom-Not geben: Alle 100 bis 150 Kilometer ist das Aufladen der Batterie möglich.

Große Auswahl

Wer heute ein Hybridauto kaufen möchte, hat die Qual der Wahl und wird bei fast allen großen Herstellern fündig. Neben den 50 000 rein elektrischen Pkw sind derzeit ungefähr 40 000 Hybrid-Fahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs. Hybride gibt es von der Kleinwagen- bis zur Oberklasse, auch SUVs und Luxussportwagen werden bedacht: Die Hersteller müssen ihren Kohlendioxid-Ausstoß über alle Fahrzeugmodelle hinweg senken.

Bei aller Hybrid-Begeisterung: Zwar gehöre Elektromobilität laut Reimold die Zukunft, „Porsche geht aber davon aus, dass es noch lange Zeit Verbrennungsmotoren geben wird.“

Geringer Ausstoß von Kohlendioxid

Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts ISI und des Karlsruhers Institut für Technologie haben die Fahrleistung von Batterie- und Plug-in-Hybridfahrzeugen verglichen. Danach werden Plug-in-Hybride mit einer elektrischen Reichweite von etwa 60 Kilometern genauso viel elektrisch fahren wie reine Elektrofahrzeuge und stoßen damit genauso wenig CO2 aus. Hybride seien mehr als ein Feigenblatt. vt

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