Für Werner Steinmüller, den langjährigen Deutschbanker und Chef der wichtigen, für weltweiten Zahlungsverkehr zuständigen Sparte der Deutschen Bank, steht fest: Die im April von den alten Chefs vorgestellte und vom Aufsichtsrat abgesegnete Strategie wird auch unter dem Neuen umgesetzt.

Seit fast 25 Jahren arbeitet Steinmüller für die Deutsche Bank, seit 2009 im erweiterten Vorstand. Kaum einer der Top-Manager kennt das Institut so gut wie er.

John Cryan, der am 1. Juli den glücklosen Anshu Jain an der Spitze der Bank ersetzt und bis Frühjahr 2016 das Institut zusammen mit Jürgen Fitschen leitet - bevor er allein das Ruder übernimmt - ist dagegen ein Newcomer. Schließlich sitzt der 54-jährige Brite erst seit zwei Jahren im Aufsichtsrat, spielte im eigentlichen Geschäft keine Rolle. Steinmüller ist sich trotzdem sicher, dass Cryan der richtige Mann ist. Er kenne ihn aus einigen Sitzungen. "Da hat er genau die richtigen Fragen gestellt."

Freilich: Mit Fragen stellen allein, ist es für Cryan nicht getan. Er muss Antworten finden, um die Deutsche Bank endlich wieder aus dem Tief herausholen zu können. Jain und Fitschen haben sie in den drei Jahren an der Spitze nicht gefunden, weshalb sie auf der Hauptversammlung im Mai von den Aktionären abgestraft wurden und letztlich ihren Platz räumen mussten - ob freiwillig oder gezwungenermaßen ist unklar. Zudem gibt es Druck der Finanzaufsicht Bafin, die der Bank und Jain mangelhafte Kontrollen vorhält. Und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz drängt auf eine Sonderprüfung, um zu klären, ob die Bank auf weitere Strafzahlungen vorbereitet ist.

Cryan war von Aufsichtsratschef Paul Achleitner schon als möglicher Nachfolger auserkoren für den Fall, dass Jain oder Fitschen etwas zustoßen sollte. In Bankenkreisen war die Berufung des Briten, der gut Deutsch spricht, trotzdem eine Überraschung. Selbst Top-Banker in Frankfurt konnten bis Anfang Juni mit dem Namen Cryan nicht viel anfangen. Der ehemalige Finanzchef der Schweizer Großbank UBS hält sich seit seiner Berufung bedeckt. Kein Wort zu seinen Plänen und zu seiner Strategie. Irgendwann im Sommer werde er sich äußern, heißt es in der Bank. Spätestens am 30. Juli sollte es so weit sein: Dann legt die Bank ihren Halbjahresbericht vor. Ohne den neuen Chef wird das kaum gehen.

Beobachter erwarten keinen Strategiewechsel. Schließlich hat Cryan im Aufsichtsrat dem zugestimmt, was Jain und Fitschen unter dem Stichwort Strategie 2020 vorgelegt haben: Verkauf der Postbank, Schließung von 200 der 750 Deutsche Bank-Filialen, Schließung von Auslandsstandorten, leichte Einschnitte auch im Investmentbanking. Weitere 3,5 Mrd. EUR wollen sie einsparen. Darauf, glauben Beobachter, wird Cryan Wert legen. Freilich: Konkret - auch im Blick auf den Personalabbau - waren Jain und Fitschen nicht als sie Ende April ihre Pläne vorstellten.

Cryan ist also schnell gefordert. Fitschen wird ihn noch gut zehn Monate als Co-Chef unterstützen, belastet allerdings durch den Gerichtsprozess in München in Sachen Kirch, wo sich der 66-Jährige noch bis September wegen des Vorwurfs des Prozessbetrugs verantworten muss. Jain ist für sieben Monate noch als - angeblich für die Bank kostenfreier - Berater dabei. Er erhält entgegen ersten Meldungen doch eine Abfindung in mindestens einstelliger Millionenhöhe, zusätzlich zu Boni, die gestreckt gezahlt werden, und seinen Pensionsansprüchen. Legt man die Laufzeit seines Vertrages bis März 2017 zugrunde, stehen Jain rund 11 Mio. EUR zu. Unabhängig davon besitzt er gut 786.000 Deutsche Bank Aktien, die aktuell rund 22 Mio. EUR Wert sind.

Entscheiden muss Cryan in enger Abstimmung mit Aufsichtsratschef Achleitner. Der war zuletzt der starke Mann bei der Deutschen Bank, hat den Wechsel durchgesetzt. Dabei hat der Brite, der als sachorientierter Arbeiter ohne Allüren gilt, einen Vorteil: Mit den Skandalen und Manipulationen der Vergangenheit hat er nichts zu tun. Gleichwohl wird die Bank auch unter seiner Führung weitere Belastungen vermutlich in Milliardenhöhe - fast 10 Mrd. EUR hat das Institut schon gezahlt - verkraften müssen. Schließlich sind noch rund 6000 Streitfälle ungeklärt.

Schwere Vorwürfe

Bafin droht Im Libor-Skandal um manipulierte Zinssätze drohen der Deutschen Bank auch nach dem Rücktritt von Co-Chef Anshu Jain Konsequenzen der Finanzaufsicht Bafin. Ein Behördensprecher sagte, dass aufsichtsrechtliche Maßnahmen möglich seien. Das könnte bedeuten, dass das Geldhaus zu Umstrukturierungen verpflichtet wird, damit sich früheres Fehlverhalten nicht wiederholen kann. Die "Financial Times" hatte aus einem Schreiben der Bafin-Kontrolleurin Frauke Menke an die Bank zitiert. Sie sieht die Verfehlungen, wegen derer Herr Jain beschuldigt wird, als schwerwiegend an. Jain habe etwa durch eine Veränderung der Sitzordnung im Handelssaal ein Umfeld geschaffen, "das eine Ausnutzung von Interessenskonflikten förderte". Zudem verdächtige die Bafin Jain, bei der Aufklärung der Vorwürfe getäuscht zu haben. Die Deutsche Bank wies die Darstellung zurück, die Bafin äußerte sich nicht.